- 157 -Homann, Rainer: Die Partitur als Regiebuch 
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4.  Zusammenfassung und Schluss

Angesichts einer »Opernbranche«, die er als verkommen beurteilte, bezweckte Felsenstein mit ihrer »Retheatralisierung«, die Oper für das Ensemble der klassischen Künste (zurück-) zu gewinnen. Die wirkungsästhetischen Ziele des klassischen Theaters, die er dabei mitdenkt, verlangen eine Identifizierung des Zuschauers mit Figuren, die ihre Zwecke handelnd verfolgen. Insofern bedarf ein solches Theater einer sichtbaren und verständlichen Handlung als Grundelement. Die Oper weist die Besonderheit auf, dass sie sich wesentlich in Musik ereignet, gerade hierdurch entfaltet sie ihre Kraft, den Zuschauer an den Vorgängen in besonderer Weise teilnehmen zu lassen. Gleichzeitig entzieht sich ein musikalischer Vorgang einer begrifflichen Verständlichkeit, die von Nöten wäre, um im »musizierenden Theater« Musik für die Gegenständlichkeit und Intentionalität szenischen Handelns konstitutiv werden zu lassen. Unter Rückgriff auf H.H. Eggebrecht, der schreibt, dass »das ästhetische Verstehen [...] [ist] in seiner reinen Form das im Bereich des Sinnlichen sich abspielende begriffslose Verstehen des in der musikalischen Formung begriffslos objektivierten Sinns der Musik«1

1
Eggebrecht, H.H.: Musik verstehen R. Piper, München 1995, S. 35

ist, muss betont werden, dass Musik für theatralische Handlungen, die einen Grund haben und einen Zweck verfolgen, schlichtweg nicht konstitutiv werden kann, sie tritt bestenfalls der Handlung hinzu: »[...] nämlich bei der Verbindung der Musik mit Begrifflichem, zum Beispiel bei der Vokalmusik, bezieht sich das rein ästhetische Musikverstehen streng genommen nur auf das reine Tondasein der Musik, ihren in ihrer Formung gelegenen Sinn – alles andere kommt hinzu.«2

2
ebd.

In der Befassung mit Hegels Musikästhetik wurde jedoch deutlich, dass Musik, wenn ihr ein konkretisierendes Medium beigegeben ist, ihre Wirkungsweise verändert: Vom Affizieren der »abstrakten Innerlichkeit« geht sie über in die Form von Empfindungen, deren konkrete Inhalte zu benennen sind. In der Oper leistet diese Konkretisierung die »musikalische Handlung«. In ihrem Begriff ist sowohl seine Differenz zu einer Betrachtung des »Wort-Ton-Verhältnisses« als auch der Bezug einer theoretischen Befassung zur praktischen Verwirklichung aufgehoben.3

3
vgl. Dahlhaus, C.: Zur Methode der Opernanalyse, in: ders.: Vom Musikdrama zur Literaturoper, Piper, München 1989, S. 11: »Wie sich aber die Forderung, daß in jedem Augenblick das szenisch-gestische Moment zum musikalischen und sprachlichen in Relation gesetzt werden sollte, analytisch einlösen läßt, ist ein Problem, das Verlegenheit bereitet, weil es einstweilen an Begriffen mangelt, die zwischen den Grundsätzen der Theorie und den Details, aus denen die Praxis besteht, plausibel vermitteln.«
Die Untersuchungen der Konzeptionen Felsensteins und deren Umsetzung erwiesen den Begriff der musikalischen Handlung, der mittels der Frage nach ihrer Veranlassung, ihrem

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