- 60 -Homann, Rainer: Die Partitur als Regiebuch 
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»tritt wie beim selbstbewußten Denken, bereits die notwendige Unterscheidung des anschauenden, vorstellenden, denkenden Ich und des angeschauten, vorgestellten oder gedachten Gegenstandes ein.«22
22
Hegel, S. 152

Diese Unterscheidung bedarf einer vermittelnden Leistung des menschlichen Geistes, um den Gegensatz zu reflektieren und aufzuheben: eine Leistung der theoretischen Vernunft, den betreffenden Gegenstand in seiner Objektivität erkannt zu haben, d. h., die Vorstellung von ihm mit dem, was von ihm sinnlich wahrnehmbar ist, ideell, also im eigenen Bewusstsein identisch werden zu lassen. In der durch Musik bestimmten Sphäre tritt obiger Gegensatz gar nicht auf.

»[...] in der Empfindung aber ist dieser Unterschied ausgelöscht oder vielmehr noch gar nicht herausgestellt, sondern der Inhalt trennungslos mit dem Inneren als solchem verwoben.«23

23
Hegel, S. 152

Die Empfindung als solche ist eins mit sich, sie ist in ihrer (subjektiven) Existenz unmittelbar. Erst die zu welchem Zweck auch immer auf sie gerichtete Verstandestätigkeit bewirkt, dass der Inhalt einer Empfindung zum Gegenstand des Nachdenkens wird.

3.1.1.2 Handlung als konkretisierendes Element des Musiktheaters

Das Musiktheater zielt auf musikalisch vermittelte Empfindungen. Sie sind Gegenstand der Überlegungen eines Regisseurs, weil in der Oper die Musik an eine Handlung gebunden ist, dessen konkrete Ausformung als szenische Verrichtung zu finden Aufgabe des Regisseurs und der Darsteller ist. Diese Korrespondenz von Handlung und Musik ist genauer zu untersuchen und zwar vor allem in Bezug auf die Frage, welche Qualität der Musik und ihrer Rezeption innerhalb der Kunstform Oper zukommt.

Die Handlung bringt die Bewegungen der abstrakten Subjektivität, in der sich die rein musikalische Rezeption abspielt, in die Form einer Empfindung. Dies tut sie dadurch, dass die Handlung Situationen definiert, in der sich Darsteller musikalisch äußern. Felsensteins Handlungsbegriff betont die zweckrationale Motivation handelnder Personen: Aus einer (rekonstruierbaren) Ausgangssituation eines Stückes ergeben sich Beziehungen der handelnden Personen zueinander. Dadurch, dass die Personen Bedürfnisse haben, Interessen verfolgen, ändern sich ihre Beziehungen. Es entstehen neue dramatische Situationen. ›Handlung‹, so verstanden, ist der Gang der Verstrickung von handelnden Personen in einem Interessensgefüge.24

24
vgl. Felsenstein, Schriften, S. 141: »Aus der Vorgeschichte ergeben sich die bis zum Beginn des Stückes erreichten Beziehungen der handelnden Personen zueinander, die Ausgangssituation. Mit verschiedenen, oft gegensätzlichen Interessen und Absichten stehen sie einander gegenüber. Indem sie ihre Interessen vertreten und ihre Absichten verfolgen, verändern sich ihre Beziehungen zueinander.«

»Was ist denn gegeben? Doch nur die Handlung und die aus der Handlung entstandene menschliche Situation. Aus ihr resultiert der Zustand des Darstellers und aus diesem Zustand seine weitere Handlung.«25

25
ebd., S. 120


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