- 140 -Fastenau, Volker: "...comme si on appuyait sur une sonette?" 
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Da jeder Eingriff in die Sonorität eines dokumentarischen Films eine über das bloß Ästhetische hinausgehende Änderung des Dokumentierens darstellt, haben Geräusche, Atmosphären, Töne etc. – weit mehr als im Spielfilm – musikalische Qualität. Ganz konkret: Zwischen Musikdramaturgie und Geräuschdramaturgie darf im dokumentarischen Film kein nennenswerter Unterschied gemacht werden - beide verändern die äußere Wirklichkeit im Sinne eines gestalterischen Herstellens von innerer Wirklichkeit.«328

328
Schneider (1989), S. 34

Das Begriffspaar äußere und innere Wirklichkeit oder Realität wird im Laufe des ersten Kapitels über die Filme Calcutta und L’Inde fantôme noch genauer erklärt werden – an dieser Stelle soll lediglich noch einmal auf die Illusion hingewiesen werden, zu glauben, die Realität so abbilden zu können, wie sie ist, ihr also im Dokumentarfilm eine gewisse Objektivität zuzusprechen. Bereits der Akt des Auswählens eines Objektes mit der Kamera ist subjektiv; dieses repräsentiert nur einen Ausschnitt der Realität; der »individuelle Wahrnehmungsstandpunkt (die individuelle Seh- und Hörperspektive)«329

329
Ebda., S. 20
entfällt,

»da sich die vom Filmemacher vorgegebene Perspektivität als Verbindliches vordrängt. Im Filmbetrachter kann sich bei der solcherart gestalteten Wahrnehmung eines dokumentierten Objekts oder Geschehens nur schwerlich eine eigene gefühlsmäßige Reaktion ausbilden: auf jeden Fall ist diese so instabil (da durch kein konkretes Erfahren gestützt), daß jede von außen vorgeschaltete Emotionalität (sei es durch Kommentar, Musik oder ein interpretierendes Geräusch) sich als Primärwirkung durchsetzen kann.«330

330
Ebda., S. 20 f.

Demnach ist der Filmbetrachter der subjektiven Wiedergabe der Realität durch den Regisseur ausgeliefert – dieser sollte denn auch laut Schneider nicht versuchen, die Realität als objektiv darzustellen, sondern ehrlicherweise auf die Subjektivität hinweisen. Es wird im Falle der Filme von Malle zu untersuchen sein, ob sie dieses Kriterium erfüllen. Gerade in Bezug auf die auditive Ebene können die dazugehörenden Elemente Geräusch, Kommentar und Musik, wie oben bereits angesprochen, den Blickpunkt der Realität manipulieren. Daher wird analysiert, inwieweit sich Louis Malle dieser Mittel bedient, und wenn er dies tut, welchen Zweck er damit verfolgt.

Malles Dokumentarfilme können stilistisch und geographisch in drei Gruppen aufgeteilt werden; jeweils zwei Filme sind in einem Kapitel zusammengefasst. Zunächst werden die Indien-Filme Calcutta und L’Inde fantôme untersucht, da sie aufgrund ihrer Dimension für den späteren Schaffensprozess von Louis Malle eine herausragende Stellung haben (vgl. auch obiges Zitat) und die nachfolgenden Dokumentarfilme ästhetisch stark beeinflussen. Anschließend werden das Frühwerk Vive le tour! und die Fernsehproduktion Bons baisers de Bangkok abgehandelt, bevor die Filme der 70er- (Humain, trop humain und Place de la République) und 80er-Jahre (God’s Country und . . .  And the Pursuit of Happiness) analysiert werden.

Im Rahmen dieser Arbeit wurden nur Filme berücksichtigt, die von Malle eigenständig gedreht wurden; auf eine Analyse des Cousteau-Films Le Monde du silence


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