- 74 -Fastenau, Volker: "...comme si on appuyait sur une sonette?" 
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Malle nennt als Ursprung für die Idee des Films seine Träume, in denen unter anderem die Schauspielerin Therese Giehse in seinem Bett liegt und sich weigert aufzustehen.174

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Vgl. French (1998), S. 149
Giehse, die bereits im vorher gedrehten Lacombe Lucien mitwirkte, war somit der Ausgangspunkt für den Film. Dabei spielte sie sich gewissermaßen selbst auf einem Totenbett liegend, da sie wenige Monate nach Abschluss der Dreharbeiten verstarb und von ihrem baldigen Ende wusste.

Eine weitere Anregung war Malles Faszination für Lewis Carrolls Roman Alice in Wonderland. In der Tat lassen sich Parallelen zwischen den Protagonistinnen Alice und Lily ziehen. Beide stolpern von einer merkwürdigen Situation in die nächste, ohne zu verstehen, was mit ihnen geschieht. Auf diesem Weg durch eine surreale Traumwelt werden sie von deren Bewohnern nicht besonders freundlich empfangen, was im Film an der alten, herrischen Dame, dem abweisenden Einhorn und nicht zuletzt an der relativen Indifferenz des Geschwisterpaares und der Kinder deutlich wird. Im Gegensatz zum Roman ist die Filmhandlung jedoch kein Traum, aus dem die Protagonistin am Ende erwacht, sondern eine in die Zukunft projizierte Realität, in der Lily nicht die gleiche Unschuld wie Alice hat, sondern zu einem Teil des Mikrokosmos Haus wird.175

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Vgl. den Kommentar Susan Sontags in Mallecot (1978), S. 105: »Elle [Lily] n’est pas innocente, elle fait partie de ce monde.« (»Sie ist nicht unschuldig, sie gehört zu dieser Welt.«)
Dem entspricht der Filmstil Malles, der Lilys Reise nicht durch technische Mittel wie einen Traum darstellt, sondern im Gegenteil durch eine realistische Kameraführung den Zuschauer die Perspektive Lilys einnehmen lässt:

»The movie evokes the dream state without once resorting to the use of fuzzy filters, slow-motion photography or even lap dissolves. We see everything with the clarity with which Lily observes it, though, unlike Lily, our tendency is to interpret what we see rather than simply to accept it.«176

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Canby, Vincent. »Film Festival: Malle’s ›Black Moon‹«. In: The New York Times 30. 9. 1975.

Der letzte von Canby angesprochene Aspekt verdeutlicht die Gefahr, die man beim Betrachten des Films eingeht. Es ist wahrscheinlich kaum möglich, eine umfassende Darstellung aller Symbole, Zeichen und Vorkommnisse im Film zu erstellen und zu interpretieren. Dieses ist denn auch nicht in Malles Sinne, da ihm beim Verfassen des provisorischen Drehbuchs und beim Drehen eine Technik vorschwebte, die er mit der écriture automatique, dem automatischen Schreiben der Surrealisten vergleicht, also einem spontanen Folgen seiner Eingebungen. Zudem entnimmt man der Pressenotiz des Films, dass sich dieser nicht an den logischen Verstand des Zuschauers richte.177

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»Ce film ne s’adresse pas à votre sens logique. Il vous décrit un autre monde, à la fois familier et différent, comme vos rêves. Entrez dedans avec votre émotion, avec vos sens. Laissez-vous emporter, c’est un voyage que je vous propose.« (»Dieser Film richtet sich nicht an Ihren Verstand. Er beschreibt Ihnen eine andere Welt, die zugleich vertraut und fremd erscheint, ähnlich wie ihre Träume. Betreten Sie diese Welt mit Ihren Gefühlen, mit Ihren Sinnen. Lassen Sie sich forttragen, dieses ist eine Reise, zu der ich Sie einlade.«), aus dem Pressedossier des Films, zit. n. Prédal (1989), S. 124

Nichtsdestotrotz sollen in diesem Aufsatz einige Interpretationsansätze verfolgt werden, die teilweise vom Regisseur selbst stammen. Wie in den meisten Aufsätzen der Kritiker und Filmwissenschaftler über den Film sieht Malle in ihm eine Art Initiation Lilys, eine Entdeckung ihrer Sexualität und Sinnlichkeit und ein Eintreten


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