- 51 -Hanheide, Stefan: Mahlers Visionen vom Untergang 
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Musik hineinträgt, die sich als kritisch gegenüber dem Preußischen ausnimmt, was hier für ein Grundideal des deutschen Kaiserreiches steht. Etwas allgemeingültiger äußert Diepenbrock den Gegenwartsbezug von Mahlers Musik in einem Einführungskommentar zur Vierten Symphonie aus dem Jahre 1910, in dem er von den neun Symphonien Mahlers behauptet, daß sie »genug von der harten Wirklichkeit sprechen, und die nach der Meinung von gewissen Kennern einmal als das monumentale Musikwerk unseres heutigen Zeitalters gelten werden«185
185
Reeser, Mahler und Holland, S. 107.
. Mahler hat sich ausdrücklich zustimmend zu diesem Text geäußert.186
186
Ebd. S. 100.
Diepenbrock sah in Richard Strauss, dessen Entwicklung er zunächst positiv beurteilte, ab der Zarathustra-Komposition einen Repräsentanten des modernen Deutschland. Hier fand er eine zunehmende Neigung zu Materialismus, Militarismus und chauvinistischer Überheblichkeit und eine Entfernung von dem Deutschland von Goethe, Brentano, Novalis und Hölderlin.187
187
Ebd. S. 9.
Mahlers Entwicklung bis zur Achten Symphonie verfolgte er dagegen mit großer Zustimmung.188
188
Diepenbrock, Brieven en Documenten.

Zwar fehlt ein Beleg darüber, daß Diepenbrock Mahler gegenüber Gedanken über Zusammenhänge zwischen Musik und politischer Entwicklung geäußert hat und demzufolge auch Mahlers Reaktion. Aber Mahlers Wertschätzung der Persönlichkeit Diepenbrocks, die sich nicht nur auf den Komponisten, sondern ganz dezidiert auch auf den Denker bezieht, ist unzweifelbar dokumentiert. Mit Diepenbrock tritt also eine weitere Person neben Natalie Bauer-Lechner, Georges Picquart und Gerhart Hauptmann, deren staats- und gesellschaftskritische, gegen den Strom gerichtete Haltung auffällt und deren Nähe Mahler suchte. Diepenbrock findet, anders als die anderen beiden, diese Haltung in Mahlers Musik wieder.

e.  Fazit

Aus den zusammengetragenen Sachverhalten lassen sich folgende Aussagen zu Mahlers Berührungen mit den politisch-gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit treffen:

  • Der aufkeimende Antisemitismus seiner Zeit konnte ihm nicht verborgen bleiben. Mehrfach hat er dessen negative Auswirkungen selbst direkt zu spüren bekommen.
  • Auch mit den Nationalitätenkonflikten der Zeit kam er in Berührung und konnte den wachsenden Militarismus wahrnehmen.
  • Seit seiner Studienzeit stand er dem Sozialismus nahe, mit deren Anführern er persönlichen Kontakt pflegte. Der österreichische Sozialismus der Zeit war dezidiert pazifistisch orientiert. Diese Ideen dürften ihm nicht fremd geblieben sein.
  • Er zeigte seit seiner Studienzeit Aufmerksamkeit für zeitgenössische Reformbewegungen, die gesellschaftliche Veränderungen anstrebten.


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