- 111 -Kinzler, Hartmuth (Hrsg.): Musik und Leben 
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auch in der Lautstärke, läßt sich der »Übergang zur Hoffnung auf eine leuchtendere Zukunft« erkennen: Es begann bei denen die Leid tragen und endete in der zentralen Botschaft der Feindesliebe und der Vergebung.

Am Anfang und Ende jeder Orchesterphrase steht ein Quint-Oktav-Klang, dazwischen ereignen sich Dissonanzen. In dieser Weise wurde komponiert, als um das Jahr 1200 die frühe Mehrstimmigkeit entstand und das abendländische Komponieren begann. Wenn Martin dieses Stilmittel hier verwendet, dann kann man darin einen Hinweis erkennen, zu den Anfängen zurückzukehren und sich neu in jene ungewisse Zukunft zu orientieren, von vorn zu beginnen und etwas neues zu wagen, schließlich zu vergessen was war. Die Atmosphäre archaischer Reinheit verleiht der gesungenen Botschaft eine Aura von ewiger Gültigkeit jenseits aller Zeiterscheinungen.

Im Grundmotiv, dem schrittweisen Aufstieg mit dem entsprechenden Rhythmus, läßt sich der Bach-Choral Es ist genug erkennen, der genauso beginnt. In beiden Fällen wird ein Tetrachord mit dem gleichen Rhythmus durchschritten, bei Bach ist es eine übermäßige Quarte, bei Martin eine verminderte. Aber das Zitat scheint hörbar durch, und die Textzeile »Es ist genug« erweist sich im Zusammenhang von Kriegsende und Neubeginn als sehr sinnfällig.

Martin komponiert keine Siegesfeier wie Vaughan Williams, die genau wie im Barock die Größe der eigenen Nation feiert. Er hat individuelle Vorstellungen, wie Frieden in Zukunft möglich ist, und äußert diese in seinem Werk. Er zeigt eine neue Funktion von Kunst, die politische und gesellschaftliche Prozesse kritisch begleitet und eigene Lösungsvorschläge offeriert.

Die drei genannten Beispiele von Friedensmusik – Brossard, Vaughan Williams und Martin – stammen aus einem großen Fundus von Kompositionen, die den politischen Frieden zum Gegenstand haben. Inzwischen habe ich weit mehr als 500 Werke zusammengetragen. Die frühesten bekannten Stücke stammen aus der Zeit um 1400, die jüngsten aus der unmittelbaren Gegenwart. Frieden zwischen zwei Staaten, Machtblöcken oder Interessengruppen kann sich im musikalischen Werk in drei Arten dargestellt finden: Zunächst im Friedenspreis, in dem seine Vorzüge gepriesen werden, dann in der Friedensbitte, in der die Sehnsucht danach zum Ausdruck kommt, und schließlich in der Kriegsklage, wo der Widerpart, der Krieg, in seiner Verderbnis beschrieben oder beklagt wird. In größeren oratorischen Werken sowie in Werksammlungen werden diese Grundformen auch kombiniert.

In der historischen Entwicklung von Friedens-Kompositionen lassen sich in der abendländischen Musikgeschichte zwei Wendepunkte ausmachen: Erstens die Zeit um 1800 und zweitens die Zeit um 1930. Die Wandlungen vollziehen sich im Sozialstatus des Komponisten und in der ästhetischen Determination des


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