auch in der Lautstärke, läßt sich der »Übergang zur
Hoffnung auf eine leuchtendere Zukunft« erkennen: Es begann bei denen die
Leid tragen und endete in der zentralen Botschaft der Feindesliebe und der
Vergebung.
Am Anfang und Ende jeder Orchesterphrase steht ein Quint-Oktav-Klang, dazwischen
ereignen sich Dissonanzen. In dieser Weise wurde komponiert, als um das Jahr 1200
die frühe Mehrstimmigkeit entstand und das abendländische Komponieren
begann. Wenn Martin dieses Stilmittel hier verwendet, dann kann man darin
einen Hinweis erkennen, zu den Anfängen zurückzukehren und sich neu in jene
ungewisse Zukunft zu orientieren, von vorn zu beginnen und etwas neues zu
wagen, schließlich zu vergessen was war. Die Atmosphäre archaischer Reinheit
verleiht der gesungenen Botschaft eine Aura von ewiger Gültigkeit jenseits aller
Zeiterscheinungen.
Im Grundmotiv, dem schrittweisen Aufstieg mit dem entsprechenden Rhythmus, läßt
sich der Bach-Choral Es ist genug erkennen, der genauso beginnt. In beiden Fällen wird
ein Tetrachord mit dem gleichen Rhythmus durchschritten, bei Bach ist es eine
übermäßige Quarte, bei Martin eine verminderte. Aber das Zitat scheint hörbar durch,
und die Textzeile »Es ist genug« erweist sich im Zusammenhang von Kriegsende und
Neubeginn als sehr sinnfällig.
Martin komponiert keine Siegesfeier wie Vaughan Williams, die genau wie im Barock die
Größe der eigenen Nation feiert. Er hat individuelle Vorstellungen, wie Frieden in
Zukunft möglich ist, und äußert diese in seinem Werk. Er zeigt eine neue Funktion von
Kunst, die politische und gesellschaftliche Prozesse kritisch begleitet und eigene
Lösungsvorschläge offeriert.
Die drei genannten Beispiele von Friedensmusik – Brossard, Vaughan Williams und
Martin – stammen aus einem großen Fundus von Kompositionen, die den politischen
Frieden zum Gegenstand haben. Inzwischen habe ich weit mehr als 500 Werke
zusammengetragen. Die frühesten bekannten Stücke stammen aus der Zeit um
1400, die jüngsten aus der unmittelbaren Gegenwart. Frieden zwischen zwei
Staaten, Machtblöcken oder Interessengruppen kann sich im musikalischen
Werk in drei Arten dargestellt finden: Zunächst im Friedenspreis, in dem seine
Vorzüge gepriesen werden, dann in der Friedensbitte, in der die Sehnsucht danach
zum Ausdruck kommt, und schließlich in der Kriegsklage, wo der Widerpart,
der Krieg, in seiner Verderbnis beschrieben oder beklagt wird. In größeren
oratorischen Werken sowie in Werksammlungen werden diese Grundformen auch
kombiniert.
In der historischen Entwicklung von Friedens-Kompositionen lassen sich in der
abendländischen Musikgeschichte zwei Wendepunkte ausmachen: Erstens die
Zeit um 1800 und zweitens die Zeit um 1930. Die Wandlungen vollziehen sich
im Sozialstatus des Komponisten und in der ästhetischen Determination des