verbreitete das Schriftgut der Antike durch maschinelle
Reproduktionstechnik, sodass die Renaissance, der Humanismus und so auch das in
der Stimme verortete Menschenmaß Maschinenwelten entsprungen ist, die im
Umkehrschluss – bezogen auf Steinschulte und ähnlich Argumentierende – ansonsten
so wenig gelitten sind. Die Medientechniken Schrift und Druck werden durch
massenhafte Verbreitung und Auslegung antiker Schriften zum Zeugen berufen und
befragt, wenn es darum geht, originäre Ursprünge zu lokalisieren. Das aber ist
kein geringes Problem, denn dabei wird unterstellt, Schrift- und Drucktechnik
könnten leisten, was Instrumententechnik versagt bleibt: die deckungsgleiche
Verschränkung von Sinn im Ausdruck. Schon der Übertrag von Mündlichkeit in Schrift
ist der Übertrag eines akustischen Mediums in ein optisches und liefert einen
fundamentalen Unterschied. »Auch gibt es keine Punkt-für-Punkt Äquivalenzen zwischen
mündlicher und schriftlicher Kommunikation« (Luhmann
1997: 255). So kann es im
Modus
erfundener Wiederentdeckungen auch zu neuen Gesangsformen kommen.
Albert Gier kommentiert: »Damit hat Peri
den
stile recitativo geschaffen, der
Sprechen und Singen verbindet
(cantar recitando)« (Gier 2000: 72). Und in
der Vorrede der
Nuove musici von Giulio Caccinis aus dem Jahre 1602 heißt
es: Die gebildeten »Edelleute und trefflichen Männer haben mich stets darin
bestärkt und es mir mit Gründen belegt, daß die Musik keine Wertschätzung
verdient, wenn sie die Worte unvollkommen verstehen läßt oder wenn sie, dem
Sinn und Versmaß entgegen, Silben verlängert oder verkürzt, lediglich dem
Kontrapunkt zuliebe. [. . . ] Man riet mir also, ich solle mich jener von Plato und
anderen klassischen Schriftstellern gerühmten Kunst zuwenden. Diese Philosophen
aber bezeugen, daß
die Musik zunächst Sprache und Rhythmus sei und erst
dann Ton, nicht umgekehrt. Mir kam daher der Gedanke, eine Art von Musik
zu setzen, in der man gleichsam harmonisch zu sprechen vermag infolge der
Einführung einer edlen Zurücksetzung des eigentlichen Gesanges gegenüber dem
Worte. . . . Abgesehen davon, daß es sich um dramatische Poesie handelte, in der
füglich durch den Gesang die Sprache nachgeahmt werden muß – denn zweifellos
spricht man nicht singend –, glaube ich, daß die alten Griechen und Römer, die
nach weitverbreiteter Meinung ganze Tragödien auf der Bühne sangen, eine
Ausdrucksweise gebrauchten, die der des gewöhnlichen Sprechens überlegen war,
aber doch so stark von der Melodie des Gesangs abwich, daß sie die Gestalt
eines Mitteldings zwischen Sprechen und Singen annahm. [. . . ] So habe ich
geglaubt, daß dies der Gesang sei, den allein uns unsere Musik geben kann,
indem sie sich nach unserer Sprache richtet« (Guilio Caccini
, zitiert nach Hugo
Wolfram Schmidt
u.a. 1974: 176f.). So bezeugt dieser neue, durch die Oper
auf den Weg gebrachte Gesangsstil seine deutliche Nähe zur Sprache. Über
die Sprache sind die Affekte auszulegen, werden sie transportiert. Die Musik
der Instrumente tritt dabei in den Hintergrund, ist zweitrangig – eben nur
stellvertretend und keinesfalls autonom, zweifelhaftes Surrogat. Ihr kommt allein die
Aufgabe zuteil, zu verstärken, was die Stimme an Bedeutung transportiert.
»Daß dem Wort innerhalb des musikalischen Theaters der Vorrang gebührt, ist
unter diesen Umständen ganz natürlich« (Gier 2000: 72). Nur wer singt, macht
danach, auch wenn das Singen selber als klingende Äußerlichkeit dem »reinen
Ausdruck« schon nicht mehr entspricht, authentisch klingende Musik.