- 82 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander  
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verbreitete das Schriftgut der Antike durch maschinelle Reproduktionstechnik, sodass die Renaissance, der Humanismus und so auch das in der Stimme verortete Menschenmaß Maschinenwelten entsprungen ist, die im Umkehrschluss – bezogen auf Steinschulte und ähnlich Argumentierende – ansonsten so wenig gelitten sind. Die Medientechniken Schrift und Druck werden durch massenhafte Verbreitung und Auslegung antiker Schriften zum Zeugen berufen und befragt, wenn es darum geht, originäre Ursprünge zu lokalisieren. Das aber ist kein geringes Problem, denn dabei wird unterstellt, Schrift- und Drucktechnik könnten leisten, was Instrumententechnik versagt bleibt: die deckungsgleiche Verschränkung von Sinn im Ausdruck. Schon der Übertrag von Mündlichkeit in Schrift ist der Übertrag eines akustischen Mediums in ein optisches und liefert einen fundamentalen Unterschied. »Auch gibt es keine Punkt-für-Punkt Äquivalenzen zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation« (Luhmann 1997: 255). So kann es im Modus erfundener Wiederentdeckungen auch zu neuen Gesangsformen kommen. Albert Gier kommentiert: »Damit hat Peri den stile recitativo geschaffen, der Sprechen und Singen verbindet (cantar recitando)« (Gier 2000: 72). Und in der Vorrede der Nuove musici von Giulio Caccinis aus dem Jahre 1602 heißt es: Die gebildeten »Edelleute und trefflichen Männer haben mich stets darin bestärkt und es mir mit Gründen belegt, daß die Musik keine Wertschätzung verdient, wenn sie die Worte unvollkommen verstehen läßt oder wenn sie, dem Sinn und Versmaß entgegen, Silben verlängert oder verkürzt, lediglich dem Kontrapunkt zuliebe. [. . . ] Man riet mir also, ich solle mich jener von Plato und anderen klassischen Schriftstellern gerühmten Kunst zuwenden. Diese Philosophen aber bezeugen, daß die Musik zunächst Sprache und Rhythmus sei und erst dann Ton, nicht umgekehrt. Mir kam daher der Gedanke, eine Art von Musik zu setzen, in der man gleichsam harmonisch zu sprechen vermag infolge der Einführung einer edlen Zurücksetzung des eigentlichen Gesanges gegenüber dem Worte. . . . Abgesehen davon, daß es sich um dramatische Poesie handelte, in der füglich durch den Gesang die Sprache nachgeahmt werden muß – denn zweifellos spricht man nicht singend –, glaube ich, daß die alten Griechen und Römer, die nach weitverbreiteter Meinung ganze Tragödien auf der Bühne sangen, eine Ausdrucksweise gebrauchten, die der des gewöhnlichen Sprechens überlegen war, aber doch so stark von der Melodie des Gesangs abwich, daß sie die Gestalt eines Mitteldings zwischen Sprechen und Singen annahm. [. . . ] So habe ich geglaubt, daß dies der Gesang sei, den allein uns unsere Musik geben kann, indem sie sich nach unserer Sprache richtet« (Guilio Caccini, zitiert nach Hugo Wolfram Schmidt u.a. 1974: 176f.). So bezeugt dieser neue, durch die Oper auf den Weg gebrachte Gesangsstil seine deutliche Nähe zur Sprache. Über die Sprache sind die Affekte auszulegen, werden sie transportiert. Die Musik der Instrumente tritt dabei in den Hintergrund, ist zweitrangig – eben nur stellvertretend und keinesfalls autonom, zweifelhaftes Surrogat. Ihr kommt allein die Aufgabe zuteil, zu verstärken, was die Stimme an Bedeutung transportiert. »Daß dem Wort innerhalb des musikalischen Theaters der Vorrang gebührt, ist unter diesen Umständen ganz natürlich« (Gier 2000: 72). Nur wer singt, macht danach, auch wenn das Singen selber als klingende Äußerlichkeit dem »reinen Ausdruck« schon nicht mehr entspricht, authentisch klingende Musik.

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