Hase: eine Osnabrücker Programmusik

Silke Feser
10. Semester
LAGymMu/Dt

Claus Huth
14. Semester
LAReaIMu/Erd

Oliver Feser
10. Semester
LAGymMu/Dt
 

Inhalt:

Claus Huth:

I. Kompositorisch-künstlerische Aspekte der Tonbandarbeit

1. Allgemeine Konzeption
2. Chronologischer Ablauf

Oliver Feser:

II. Technische Aspekte und Vorgehensweise bei der Tonbandarbeit

1. Überblick über die Arbeitsphasen
2. Erste Arbeitsphase mit Cubase
3. Zweite Arbeitsphase (Soundscape)

Silke Feser:

III. Methodisch - didaktische Ideen zu der Tonbandarbeit

1. Klangcollage als Unterrichtseinheit
2 Die Umsetzung im Unterricht
2.1 Die Vertonung einer Stelle im Schulort
2.2 Die Vertonung eines Flusses


I. Kompositorisch-künstlerische Aspekte der Tonbandarbeit

von Claus Huth

1. Allgemeine Konzeption

Die "HASE" ist ein Musikstück, das den Verlauf des gleichnamigen Flusses von der Quelle bis zum Verlassen der Stadt Osnabrück darstellt.

Dabei werden hier, anders als z.B. bei der "Moldau", nicht nur Instrumente, sondern auch Klangfarben und Geräusche kompositorisch verarbeitet. Ein Hauptbestandteil der Arbeit ist die Verwendung des Motives h-a-es-e (Kernmotiv) in allen möglichen Variationen (Melodik / Harmonik). Dadurch wird sichergestellt, daß der ständige Bezug zum Fluß gewährleistet ist: Das Notenmaterial bildet orthographisch den Namen des Flusses Hase und somit ist die gesamte Collage auf logische und einfache Weise mit dem Fluß verbunden.

Ein weiteres verwendetes Stilmittel ist die Einbindung verschiedener Geräusche in die Musik. So ist der gesamten Arbeit ein permanentes Wasserfließgeräusch unterlegt, um die Kontinuität und das ständige Fließen der Hase zu verdeutlichen. Außerdem werden an den verschiedenen Stationen ortstypische Geräusche verwendet, um den jeweiligen Standort akustisch und plastisch darzustellen.

Das gesamte Werk ist aus der Sicht des Flusses konzipiert, der Hörer treibt also quasi in einem Boot auf dem Fluß. Bei dieser musikalischen Flußfahrt hat der Rezipient nicht die Position des "absoluten Hörers" inne, sondern ist das Gegenstück zum literarischen "lyrischen Ich". Um dieses ungewohnte Hörerlebnis noch zu verdeutlichen, sind sämtliche Musikteilstücke mit den dazugehörigen Geräuschen ein- bzw. ausgefadet.

2. Chronologischer Ablauf

Zu Beginn, also praktisch beim Entspringen des Flusses, wird das Kernmotiv erstmals vorgestellt. Dies geschieht sehr langsam und zart und ist mit den verschiedensten Effekten untermalt, um so nochmals die Quelle zu symbolisieren. Die verwendeten Geräusche (Kuckuck, Frösche, Vögel etc.) und das Moldauzitat tragen des weiteren dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Durch ein Auf- und Abschwellen und ein Schneller- und Dichterwerden der vier Kerntöne wird allmählich ein Fluss erzeugt, der von den Instrumenten (Bass, Gitarre, Schlagzeug, Klavier) nahtlos übernommen wird und in ein im Countrystil komponiertes erstes Musikstück mündet, das in E-Dur (H-A-ES-E) gesetzt ist. Der Countrystil weist auf den Verlauf durch das Osnabrücker Land hin, während die lebhafte Soloklarinette eher die Wassergüte umreißen soll (sauber, klar, schnelle Fließgeschwindigkeit).

Mit Ende des Countrystückes nähert sich der Fluß, übergeleitet durch ein lautes Zuggeräusch, der Stadt Osnabrück. Hier fließt die Hase erst eine Zeit parallel zum Schienenstrang durch ein Industriegebiet bis zum Hauptbahnhof. Der Zug wird hier durch die treibenden dreistimmigen Synthie -Akkorde (A-H-ES - A-H-E) dargestellt, die bis zum Industriegebiet chromatisch höher und danach wieder tiefer und langsamer werden, bis sie beim Hauptbahnhof ganz zum Stehen kommen.

Das Industriegebiet, welches im Verlauf der Collage dreimal in verschiedenen Variationen, da verschiedene Industrien, vorkommt, ist im Gegensatz zu den anderen Stücken vorrangig durch Geräusche interpretiert. Diese werden auch von Instrumenten (verzerrte, entfremdete Gitarre, gemutete Trompete) produziert, wobei es immer darum geht, die originalen Industriegeräusche nachzuahmen und die Atmosphäre der jeweiligen lndustriestandorte einzufangen. Durch den harten metallischen Gitarrensound soll hier auf metallverarbeitende Industrie (ehemaliges Klöcknergelände) hingewiesen werden.

Vom Hauptbahnhof fließt die Hase weiter Richtung Innenstadt.

Das träge, fast gleichgültige Dahinfließen wird durch die sehr langsame, melancholische Akkordfolge (E/h - A/a - H/es [dis, enharmonische Verwechselung] - E/e) zum Ausdruck gebracht. Die Geräusche stehen hierzu im krassen Gegensatz, während die Trompete völlige Resignation, sowie das Fließen ausdrücken soll.

Die Hase strömt durch die Hektik der Innenstadt, durch den Feierabendverkehr, vorbei an den großen Kaufhäusern und die durch den hastigen Alltag eilenden Menschen.

In dem Tunnel unter der Straße mit dem bezeichnenden Namen "Öwer de Hase" findet die Hase wieder etwas zur Ruhe, die Nebengeräusche verebben, die Musik kehrt zum Kernmotiv zurück und der Gesamtklang wird halliger. Das Moldauzitat will als wehmütiger Rückblick eines frei fließenden Flusses verstanden werden. Nach dem Verlassen der Unterführung befinden wir uns wieder in der Innenstadt.

Nun folgt der wohl landschaftlich schönste Teil mitten im Herzen Osnabrücks, der Herrenteichswall. Hier fließt die Hase malerisch begrenzt durch hohe Bäume zu beiden Seiten des Ufers. Wie könnte man diese Stimmung besser ausdrücken als durch eine Ballade, klavierbetont, mit Fretlessbass, filigrane Streicherlinien, seichtes Schlagzeug (Rim-shot) und einer leicht verhallten, engelsgleichen Querflötenmelodie. Die Naturgeräusche (Enten, Vögel, etc.) runden den Gesamteindruck ab.

Lärmendes Kindergeschrei deutet auf das Passieren der Ursulaschule und des Carolinums hin, während in der Ferne bereits die Kirchenglocken das Nahen des Osnabrücker Doms ankündigen. Um den fließenden Übergang zwischen der Ballade und der folgenden Fuge zu sichern, färbt sich das Instrumentarium des Flötenstückes zunehmend in einen Kirchenorgelklang.

Das Vorbeigleiten am Dom wird besonders durch die dreistimmige Fuge, komponiert aus dem Kernmotiv, deutlich. Am Ende der Fuge wird durch ein starkes Wasserfallgeräusch, und ein Pitchbending der Schlußharmonie nach unten, die Pernickelmühle angedeutet.

Daran anschließend folgt wieder das schon bekannte lnnenstadtmotiv, diesmal mit einer stärkeren Gewichtung des Verkehrslärmes.

Die Vitischanze wird durch die Einblendung von Musik (die 1993 tatsächlich live von der Blues Company zusammen mit John Heartsman dort aufgenommen wurde) symbolisiert.

Das nun folgende zweite Industriegebiet stellt den Osnabrücker Hafen dar, mit dem zu ihm gehörigen Industrien.

Das Hafenmotiv bedient sich einer sehr klischeebehafteten Musik. Tuba, Banjo, Tambourine und vor allem das Akkordeon lassen eher einen südfranzösischen Fischereihafen als den kleinen, tristen Güterumschlagshafen Osnabrücks vermuten, aber gerade in dieser Ironie liegt die Spannung.

Die Schiffshupen und das Lachmöwengekreisch tun ein Übriges, um diese Ironie noch zu verschärfen. Als kompositorisches Konzept werden wieder die Haseharmonien (e, a, H) verarbeitet, diesmal allerdings in der Mollvariante. Verstärkt wird die "traurige" Mollstimmung durch den Tritonussprung in der Melodieführung des Akkordeons.

Am Osnabrücker Hafen steht auch das Klärwerk der Stadt, neben dem die Hase lang fließt, um danach in ländlichere Regionen außerhalb Osnabrücks zu gelangen. Dies wird durch das schon vom Anfang bekannte Countrymotiv ausgedrückt, und so wird gleichzeitig auch der erste Kreis geschlossen.

Das Saxophon übernimmt anstelle der Klarinette die Solostimme. Was also auf den ersten Blick gleich anmutet, ist doch ein Unterschied, der bewußt als stilistisches Mittel genutzt wird.

Der Unterschied zum Anfang besteht allerdings darin, daß das Stück deutlich langsamer und bewußt schief klingend präsentiert wird. Das langsamere Tempo soll verdeutlichen, daß der Fluß breiter und die Fließgeschwindigkeit geringer geworden ist. Die unsaubere Intonation zeigt, gerade nach dem Durchfließen mehrerer Industriegebiete, den höheren Verschmutzungsgrad an. Dieses Argument gilt auch für den Wechsel von der sauberen, hohen und manchmal witzig klingenden Klarinette zum tiefen, dreckigen Saxophon.

Der zweite, äußere Kreis schließt sich mit dem Verschwinden, dem Entgleiten der Hase am Horizont. Hier wird, ähnlich dem Anfang, ausschließlich mit dem Melodiekernmotiv gespielt. Anders als bei der Quelle fehlt hier allerdings die ordnende Hand und so werden die sowohl durch Klangfarbe als auch durch unterschiedliche Geschwindigkeiten gekennzeichneten Motive sehr willkürlich vor-, neben- und übereinander gesetzt. Diese Vielzahl an Dissonanzen und die verwendeten Stereoeffekte erzeugen so das Gefühl von Breite und fast Unendlichkeit, auf jeden Fall aber ein "aus dem Blickfeld verschwinden", was durch das allmähliche Ausfaden unterstrichen wird.

II. Technische Aspekte und Vorgehensweise bei der Tonbandarbeit

von Oliver Feser

1. Überblick über die Arbeitsphasen

Die Tonbandarbeit besteht aus einem etwa 10-minütigen, selbstkomponierten Musikstuck, das viele verschiedene Stücke und Stile enthält, dabei aber kaum Pausen oder Schlüsse aufweist, sondern durch musikalische Überleitungen und klangliche Überlagerungen den Eindruck einer durchgängigen Collage erzeugen soll. Diesem Musikstück sind Geräusche unterlegt, die die jeweiligen charakteristischen Teile der Collage atmosphärisch und beschreibend verdeutlichen sollen; ferner wurden bestimmte Instrumente live dazu eingespielt, da der Klangeindruck so authentischer erscheint als bei ausschließlicher Verwendung von Synthesizerklängen.

Da die Musik also im Vordergrund stehen sollte, bzw. die Basis der Collage darstellt, erarbeiteten wir die Musik zuerst. Wir verwendeten dazu das Sequencerprogramm Cubase III für den Atari ST. Für die Klangausgabe nahmen wir als Expander den Roland Sound-Canvas. So genügte ein normales MIDI-fähiges Keyboard zur Eingabe der Töne. Da dies ein ziemlich simpler Aufbau (siehe Abbildung) ist, konnten wir die Musik komplett zu Hause und nicht im Studio komponieren. Am Anfang sammelten wir Ideen und spielten diese in Cubase ein. So entstanden zuerst die größeren Abschnitte der Musik, wie z.B. die Ballade zum Herrenteichswall oder das Eisenbahnstück. Die Musik entstand auch nicht erst auf dem Papier, sondern direkt am Computer - sobald z.B. einige Akkorde feststanden, fanden wir durch "Mitspielen" eine Baßlinie dazu. Die einzelnen Teile wurden dann nach und nach chronologisch geordnet und die Überleitungen eingefügt.

Nachdem die Musik fertiggestellt war, sollten die Geräusche und Live-Instrumente passend zu der Musik eingespielt werden. Wir gingen zuerst davon aus, daß dieses mit Hilfe eines 8-Spur-Tonbandgerätes geschehen sollte, waren dann aber froh, als die Uni das Harddiskrecording-System Soundscape einführte. Obwohl das Prinzip dieses Systems dem eines Tonbandgerätes sehr ähnlich ist, waren uns die sehr viel größere Benutzerfreundlichkeit und die bessere Klangqualität des Soundscape für die Tonbandarbeit sehr von Vorteil. Das bereits fertige Musikstück nahmen wir auf zwei Spuren auf und begannen dann damit, die Geräusche und Instrumente hinzuzufügen. Die Geräusche stammen zum Teil von Geräusche-CD`s, teilweise nahmen wir sie auch selbst auf DAT oder Kassette auf. Die Live-Instrumente haben wir im Studio direkt zur Musik ins Soundscape eingepielt, wobei wir mit einem Hallgerät gleich beim Aufnehmen einen kurzen Hall unterlegten.

Zum Schluß mischten wir die Collage auf DAT, wobei die Lautstärke der einzelnen Spuren und die Stereo-Effekte schon im Soundscape festgelegt waren, so daß eine klangliche Korrektur und das Hinzufügen von Hall bei der Fuge und beim Stück, das den Tunnel in der Innenstadt beschreibt, genügten.

Die nächsten Abschnitte sollen diese Arbeitsphasen mit Cubase und Soundscape näher erläutern und im Detail auf die Techniken und Probleme bei der Erstellung der Tonbandarbeit eingehen.

2. Erste Arbeitsphase mit Cubase

Wie schon erwähnt entstanden zuerst die größeren Teile des Musikstücks gesondert, bevor sie durch Überleitungen miteinander verbunden wurden. Diese Überleitungen stellten wohl das größte Problem dar, da die Stücke zum Teil verschiedene Tempi und Tonarten besitzen. Im folgenden möchte ich chronologisch auf die Besonderheiten jedes Teils und besonders die Überleitungen eingehen.

Der Anfang des Stückes wurde von uns genauso wie der Schluß ganz zuletzt angefügt. Beide Teile zeichnen sich dadurch aus, daß sie frei gespielt sind, also kein durchgehendes Metrum besitzen. Daher haben wir bei diesen Teilen keinen Metronom-Klick benötigt. Der Übergang zum Country-Stück erfolgt dadurch, daß dem schneller werdenden Lauf am Ende die Baßlinie des Country-Stückes im richtigen Tempo unterlegt wird, und zwar erst mit den Synthie-Klängen des Anfangsteils, dann mit dem Baß gedoppelt und schließlich nur mit dem Baß. An diesem Punkt werden dann schon die übrigen Begleitstimmen (Schlagzeug, Gitarre) eingefadet. Das Ein- und Ausfaden haben wir mit dem MIDI-Mixer von Cubase III durchgeführt. Im MIDI-Mixer, der einem Mischpult nachgebildet ist, kann man einzelne MIDI-Kanäle in Lautstärke und Panorama beeinflussen. Die Veränderungen werden beim Abspielen aufgezeichnet, so daß man z.B. mit dem Loop-Befehl beim mehrmaligen Hören oder auch im Nachhinein jeweils eine Spur verändern kann. Diese Vorgehensweise erscheint mir einfacher als das Ein- und Ausblenden mit dem Logical-Editor oder dem Key-Editor für jede einzelne Spur. Auf diese Weise wurden auch die Stereoeffekte zu Beginn des Stückes erzeugt.

Beim anschließenden Country-Stück wurden die Gitarre und die Klarinette weggelassen, um diese später auf dem Soundscape dazuzufügen. Lediglich in der Einleitung ist eine Gitarre vom Sound-Modul zu hören, da wir den Einstieg für den Gitarristen als problematisch empfanden. Wir haben aber im zweiten Country-Stück auch das Saxophon und die Gitarre über einem eingeblendeten Teil aufgenommen und hinterher bearbeitet, was keine Schwierigkeiten machte. Das erste Country-Stück besitzt einen Schluß, der später mit einem lauten Zuggeräusch überdeckt werden sollte. Somit ist der Country-Teil ein sehr einfaches Stück, besonders wenn man mit Funktionen wie Kopieren oder Quantisieren die eigene Einspielmühe erleichtern kann.

Dies gilt auch für das Eisenbahn-Stück. Den Achtelrhythmus haben wir natürlich nur einmal eingespielt und dann mehrmals kopiert und jeweils um einen halben Ton transponiert. Im Stück eingebettet liegt der erste lndustrierhythmus. Dieser Teil sollte mit "echten" Geräuschen gestaltet werden, daher ließen wir hier 8 Takte lang nur einen Klick durchlaufen, um das Tempo halten zu können. Am Schluß des Stückes wird die Musik langsamer. Dieses haben wir nur ziemlich viele Tempoeintragungen im Mastertrack gelöst.

Der folgende Teil mit Synthesizer-Akkorden sollte später ganz mit Geräuschen ausgefüllt werden, bei der anschließenden Ballade zum Herrenteichswall fehlte die Flötenstimme, um sie später live einzuspielen. Die Flöte sollte dann als Übergang zur Fuge in den Klang der Orgel übergehen. Wir haben daher die Orgel in Cubase langsam eingeblendet, um die Flöte an dieser Stelle auszublenden.

Die anschließende Fuge endet mit dem Geräusch des Wehres und daher sollte die Tonhöhe mit Pitchbend nach unten gezogen werden. Da es irgendwie nicht geklappt hatte, diesen Effekt im Keyeditor einzufügen, haben wir ihn beim Aufnehmen zum Soundscape mit dem Keyboard "nachträglich" ausgeführt.

Es folgen wieder Synthesizer-Klänge, die vom Klick für die zweiten Industriegeräusche überlagert werden. Das Hafenstuck sollte so angelegt werden, daß es als Ironie über diesen Industriegeräuschen "schwebt". Es hat daher ein anderes Tempo als der Industrierhytmus. Da Cubase jedoch notenwert- bzw. taktartbezogen arbeitet, konnten wir den Hafenteil nicht einfach in diesen Rhythmus kopieren. Der lndustrieklick hat daher zuerst das Tempo der Synthie-Klänge. Daran haben wir den Hafenteil gesetzt und den Klick "per Hand" in das andere Tempo eingespielt und versucht, das Tempo zu halten. Überwiegen wieder die Industriegeräusche, hat der Klick das Tempo des Hafenstückes und wird auf diesselbe Art in das zweite Country-Stück übergeleitet, so daß sich an dieser Stelle eigentlich zwei verschiedene Industriestücke befinden, die später durch die Geräusche zusammenhängend erscheinen sollten. Den lndustrieklick und die Spuren des Hafenstückes haben wir wieder mit dem MIDI-Mixer ein- und ausgeblendet.

Das zweite Country-Stuck am Schluß ist das vom Anfang, allerdings mit mäßerigem Tempo (Mastertrack), der Schlußteil überlägert dieses. Der Schluß ist wie der Anfang frei im Tempo.

3. Zweite Arbeitsphase (Soundscape)

Nachdem die Musik auf Cubase fertiggestellt war, fügten wir die Geräusche und Instrumente hinzu. Das Soundscape-Harddiskrecording-System kam da wie gerufen, da es diese Arbeit im Vergleich zu einer Tonbandmaschine wesentlich erleichterte.

Zu den größten Vorteilen gehören für uns:

- die sehr gute 16 Bit Klangqualität mit einer Samplerate von 44.100 Hz (oder höher), die sich auch beim Stereo-Mixdown von mehreren Spuren auf zwei Spuren nicht verschlechtert,

- die grafisch aufbereitete Benutzeroberfläche, die die Aufnahmen übersichtlicher und einfacher zu bedienen macht, was nicht bei allen Harddiskrecording-Systemen der Fall ist,

- alle Funktionen, die aufgrund der Digitaltechnik das einfache und schnelle Bearbeiten der Tracks ermöglichen, wie Schneiden, Verschieben, Kopieren, Undo usw.

Die Musik nahm so auf dem Soundscape zwei Spuren, bzw. eine Stereospur ein, eine durchgängige Spur bespielten wir mit einem Wassergeräusch und die restlichen 5 Kanäle standen für die übrigen Geräusche zur Verfügung. Wir legten diese gleich so an, daß sie verschiedene Positionen im Panorama besaßen, um nicht später noch einmal die Stereoposition abmischen zu müssen. In diesem Punkt haben wir auch den einzigen Nachteil des Systems entdeckt. Das Panorama bezieht sich nur auf die Output-Kanäle, es läßt sich nicht den einzelnen Tracks zuweisen und es lassen sich auch keine L<->R-Verläufe speichern wie z.B. im MIDI-Mixer von Cubase. Möchte man dennoch Stereoverläufe verwenden, muß man diese entweder mit den kleinen Panoramareglern des Soundscape Mischers, der komischerweise sehr ungenau und ruckhaft ist, erzeugen, oder aber man steuert die Effekte extern über MIDI, also z.B. mit Cubase. Dies erschien uns jedoch zu aufwendig, so daß wir einige Verläufe, wie z.B. den durchfahrenden Zug erst richtig positionierten, diese einzeln auf DAT auslagerten, dabei den L<->R-Wechsel beifügten und dann wieder an die alte Position setzten.

Lautstärkemäßig passten wir die Tracks sofort nach unseren Vorstellungen an, was durch die Funktion "Part Volume" und den ,Volume Fade Editor" sehr einfach zu handhaben war. Man konnte so die einzelnen Tracks nicht nur ein- und ausblenden, sondern von jedem beliebigen Wert zu einem anderen mit dem gewünschten Lautstärkeverlauf steuern - je nach Anzahl der Schnitte, die man auf eine Spur setzt. So konnten wir z.B. das permanente Wassergeräusch der Lautstärke der Musik anpassen und auch das herunterstürzende Wasser am Wehr konnte richtig "konzipiert" werden.

Die Geräusche der Industrierhythmen schnitten wir aus lndustrielärm von einer CD. Durch Kopieren und feines Positionieren entstand so der Rhythmus. Bei der Verwendung eines Tonbandes hätte ich diese Geräusche vorher gesampelt und dann über die Steuerung eines MIDI-Keyboard direkt aufs Band gespielt, aber so war es meiner Ansicht nach einfacher. Da in diesen Teilen in der Regel mehr als fünf Geräusche verwendet wurden, führten wir oft einen Stereo-Mixdown durch, bei dem die Geräusche (nicht die Musik) in der aktuellen Abmischung auf zwei Spuren gezogen wurden. Bei Verwendung eines Tonbandes wäre dies ein ziemlicher Qualitätsverlust gewesen.

Den Hall haben wir für die Instrumente beim Aufnehmen, für die Musik beim Endabmix hinzugefügt. Dazu haben wir das zu verfremdende Signal im Mischpult auf zwei Ausgänge gelegt, diese durch das Hallgerät wieder ins Mischpult geführt und so das jeweilige Verhältnis von Originalklang und verhalltem Klang auf zwei anderen Ausgängen aufgenommen.

III. Methodisch - Didaktische Ideen zu der Tonbandarbeit

von Silke Feser

1 .Klangcollage als Unterrichtseinheit?

Es wäre durchaus denkbar, ein Projekt wie die Vertonung der "Hase" als Unterrichtseinheit in Klasse 9 oder 10 durchzuführen. In jeder Gemeinde oder Stadt gibt es Stellen, die sich ganz besonders gut musikalisch verwenden lassen. Ich denke etwa an einen Platz, auf dem man sich zum Reden trifft, auf dem der Markt stattfindet, auf dem abends die Liebespärchen Hand in Hand spazierengehen und auf dem die Kinder Fußball spielen. Oder eine Straße mit den Läden und Häusern, die an ihr stehen. Die Beatles haben mit Penny Lane gezeigt, wie interessant eine "Straßenvertonung" aussehen kann. Allerdings sollte es Ziel unserer Collage sein, möglichst wenig Sprache mit einzubeziehen, denn gerade das rein instrumentale Vertonen etwa eines Fußballspiels macht die Sache reizvoll für den Musikunterricht.

Ein anderer Ansatz ist es, einen Fluß musikalisch zu beschreiben.

Auch das wäre für den Musikunterricht sehr ergiebig; hier würde es sich anbieten, erst die "Moldau" von Smetana zu besprechen, um dann die Schüler das gleiche mit dem Dorfbach probieren zu lassen. Ein Flüsschen gibt es fast in jedem Ort, in dem auch eine Schule mit Musikunterricht steht, und das Thema Wasser in der Musik ist immer interessant.

In beiden Ansätzen müßte die Arbeit etwa über ein Vierteljahr dauern, um zu Ergebnissen zu gelangen. Es empfiehlt sich, in Gruppen von 5 bis 6 Schülern zu arbeiten. Optimal wäre eine intensive Arbeitsphase am Ende der UE, wie sie in Form einer Projektwoche wünschenswert wäre, meist jedoch auf privatem Engagement stattfinden wird.

Das Ergebnis der verschiedenen Arbeiten ist erheblich von

a) den technischen Einrichtungen des Musikfachbereiches und

b) von der Kreativität der Schüler abhängig.

Letzteres kann man trainieren, und für den neuen DAT-Recorder bietet die Arbeit neue Argumente.

Eine Präsentation der Collage auf einer Schulveranstaltung bringt für die Schüler noch mehr Anreize, und der Fachbereich steigt im Ansehen der Schule. Man könnte live spielen, oder auch ein Band (von dem neuen DAT-Recorder) zu einer Dia-Show mit den jeweiligen Stationen der Collage abspielen.

2. Die Umsetzung im Unterricht

2.1 Die Vertonung einer Stelle im Schulort

Als langfristiger Einstieg in diese Unterrichtseinheit bieten sich Kreativitätsübungen an, die den Schüler zu einem freieren Umgang mit der Musik ermutigen sollen.

Angefangen beim lmprovisieren auf Orff-lnstrumentarium im abgedunkelten Musikraum zu Bildern auf dem Overheadprojektor bis hin zu selbstgebauten Musikinstrumenten wie Joghurtbechertrommeln und Kronkorkenschellenkränzen sollen hier der Phantasie keine Grenzen gesetzt werden. Um dann gezielter auf die bevorstehende Arbeit vorzubereiten, könnte man Themen durch Improvisation und dann in Form von instrumentalen Kompositionen versuchen, musikalisch darzustellen. So etwa einen Zoobesuch, das Bewegen im Straßenverkehr, ein Vormittag in der Schule, usw. Durch Hinzunahme von typischen Geräuschen wird die Sache erstens einfacher, und zweitens macht sie dann auch mehr Spaß, so daß die Schüler nun schon "richtige" Klangcollagen herstellen.

Allerdings muß man bedenken, daß gerade die Aufnahme große Schwierigkeiten in sich birgt, obwohl auch hier viel Wissenswertes vermittelt werden kann. Falls die Schule mit aufnahmetechnischem Material wie Mischpult, Tonbandmaschine, DAT-Recordern oder Samplern ausgestattet sein sollte, so wäre die UE optimal dazu geeignet, den Schülern die Geräte auf spielerische Weise näher zu bringen. Weil in Lerngruppen gearbeitet wird, ergibt sich oft von selbst, daß auch die sonst in Sachen Technik etwas "vorsichtigeren Mädchen" zum Zug kommen, genauso wie die "Freaks" der Klasse auch einmal erklären können, was sie an ihrem PC zu Hause alles so zaubern.

Trotz dieser zahlreichen positiven Nebenwirkungen einer intensiven Beschäftigung mit den Studiogeräten werden die Schüler in den Lerngruppen meist live miteinander musizieren, da die meisten Schulen einfach zu schlecht ausgerüstet sind. Dies tut der Idee unserer Tonbandarbeit aber keinen Abbruch.

Bevor die Schüler mit ihren Klangexperimenten anfangen können, muß erst ein Objekt gefunden werden, das sich für solch eine Arbeit anbietet.

Auch hier gibt es wieder zwei Möglichkeiten:

Entweder vertont die Klasse das Gleiche, oder jede Kleingruppe sucht sich eine andere Stelle im Ort, die sie gerne musikalisch darstellen möchte.

Bei dem ersten Vorschlag ist gesichert, daß die Besprechung von allen interessiert verfolgt wird, auf der anderen Seite ist eine Dokumentation der Arbeiten nicht so interessant, als würden verschiedene Arbeiten vorgestellt. So könnte man bei unterschiedlichen Projekten einen Spaziergang durch den Ort oder eine Stadtbesichtigung als Thema einer Präsentation besser verkaufen.

Egal welche Version durchgeführt wird, ein Gang in die Stadt mit allen Schülern ist unumgänglich. Nach dem man gemeinsam über mögliche Plätze wie das Rathaus, mit seinen Austauschbesuchen, langweiligen Ratssitzungen, Trauungen, Beschwerdebriefen usw., die Sporthalle mit den verschiedenen Sportarten, Tanzveranstaltungen und Schulunterrichten, die Einkaufsstraße, den Marktplatz und alle anderen in Frage kommenden Orte besprochen und besichtigt hat, empfiehlt es sich die Schülergruppen alleine weitersuchen zu lassen.

In der nächsten Stunde können die Gruppen ihre Ideen in einer Art Verlaufsplan zu Papier bringen, und dann auch schon anfangen, sich ihre Instrumente zusammenzusuchen. Hier wird und muß viel experimentiert werden und es werden auch Abstriche und Kompromisse gemacht werden müssen. Während eine Gruppe vielleicht nur mit Sprache und Klavier arbeitet, bringt die andere ihre E-Gitarre und den Synthesizer von zu Hause mit. Andere gehen zuerst mit dem Casettenrecorder in die Stadt, und nehmen Geräusche auf, die sie nicht nachahmen können oder auch nicht möchten.

Als Lehrer kann man während der ganzen Zeit mit Rat und Tat zur Seite stehen, ähnlich wie die Hiwis unsere Arbeiten unterstützen. Wenn man die UE dann beendet hat, wäre eine Präsentation zu den Dias der jeweiligen Stationen eine schöne Sache. Wie man auch in unserem Verlaufsplan sieht, helfen einem die Fotos doch sehr beim Verfolgen der Musik.

Meiner Meinung nach wäre es auch möglich, die Arbeit der Kleingruppen zu zensieren. Ähnlich wie in der Universität sollten die Schüler dann auch noch eine kleine Dokumentation anfertigen, wobei es hier keine Vorschriften gibt. Damit wird dann den Gruppen, die Schwierigkeiten in der technischen Realisation ihrer Ideen haben ermöglicht, ihre Kreativität in der Dokumentation unter Beweis zu stellen.

Zudem glaube ich, daß eine Zensierung der Arbeit die Schüler motiviert und sie die Sache ernster nehmen, als wenn sich etwaiges Desinteresse nicht auf die Musikzensur auswirkt.

Trotzdem sollte während der ganzen UE der Spaß an der Erstellung der Collage, die Förderung des persönlichen Engagement in der Lerngruppe und die Unterstützung des kreativen Umgangs mit Musik im Vordergrund stehen.

2.2 Die Vertonung eines Flusses

Bevor man bei diesem Themenvorschlag zu den oben schon genannten Schritten übergeht, empfiehlt es sich, einen eher theoretischen Einstieg vorzunehmen. Die Vertonung von Wasser hat in der Musikgeschichte eine lange Tradition, und so eignet sich das Hören von verschiedenen Beispielen berühmter Komponisten als Einstieg in die neue UE.

Händels Wassermusik, Beethovens Pastorale" Schuberts Lied "Auf dem Wasser zu singen" und sein "Forellenquintett", Debussys "la mèr", Strauß` "Donauwalzer", Tschaikowskys "Schwanensee", Smetanas "Moldau", und viele andere sind Grund genug, eine Rezipierstunde an den Anfang der UE zu legen.

Man könnte die Schüler auch in die Mediothek einer Bibliothek schicken, um sie selber suchen zu lassen, falls es solch eine Einrichtung vor Ort gibt. Das hätte den Vorteil, den Schülern die Möglichkeiten der Nutzung vor Augen zu führen, und Ihnen doch nichts verbindlich vorzuschreiben. Nach diesen ersten Eindrücken, die hoffentlich motivieren und nicht einschüchtern, sollte man den Bach oder Fluß, den es zu vertonen gilt, aufsuchen. Ein gemeinsamer Spaziergang entweder von der Quelle bis zur Mündung in den nächstgrößeren Fluß oder vom Eintritt in die Stadt bis zum Verlassen, ist auf jeden Fall ratsam.

Auch hier sollte man dann die Gruppen alleine den Fluß erforschen lassen, jede wird andere Stationen als wichtig und vertonenswert halten. Für die spätere Arbeit ist es sehr hilfreich, wenn man schon beim ersten Ortstermin Fotos macht, an denen die Schüler sich später orientieren können.

Eine sehr schöne Alternative wäre eine Bootsfahrt, da man hier die zu vertonende Umgebung unmittelbar aus der Sicht des Flusses sieht, dieser Blickwinkel ist ehrlicher als nur ein Spaziergang, wo man vielleicht Stationen als wichtig erachtet, die vom Fluß aus gar nicht, oder nur im Winter zu sehen sind.

Die direkten Vorbereitungen für die Klangcollage verlaufen dann wie bei dem ersten Themenvorschlag, und auch die Durchführung ist praktisch gleich. Die Suche nach einem Flußthema, einem Wassermotiv oder einem Bachlied lohnt sich. Anhand dieses Motives weiß der Hörer dann, ob er gerade eine Beschreibung der Sparkasse hört, wo die Kassen klimpern, oder ob er sich wieder auf dem Fluß befindet. Dieses Zurückkehren zum Fluß wird durch ein eingängiges Motiv (siehe Moldau) erleichtert. In der "HASE" fehlt dieses, da unser Ansatz durch die orthographische Spielerei H-A-eS-E den Bezug zum Fluß eher intellektuell herstellt.

Die Präsentation der Arbeit ist genauso wünschenswert wie bei dem ersten Themenvorschlag und auch genauso durchzuführen.