- 114 -Fastenau, Volker: "...comme si on appuyait sur une sonette?" 
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Mittel – große Wirkung. In diesem Moment erklingen die Takte 51–54 im pianissimo: Die Musik schleicht sich quasi ins (Unter-)Bewusstsein des Filmbetrachters und wirkt trotz tröstend anmutender Dur-Kadenzen über einem es-Orgelpunkt und einem es-Liegeton in der Melodie wie eine schmerzvolle Erinnerung an die vergangenen Momente der Freundschaft zwischen Julien und Jean. Im Abspann folgt dann die Erlösung der aufgestauten Emotionen: Es ertönen die Takte 56 ff. – im fortissimo und mit aufwühlerischem Gestus.

Auf die Bedeutung des Ereignisses für Malle ist bereits hingewiesen worden, Malle betont sie im Off-Kommentar;276

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Vgl. Malle (1987), S. 166: »Plus de quarante ans ont passé, mais jusqu’à ma mort je me rappellerai chaque seconde de ce matin de janvier.« (»Mehr als vierzig Jahre sind vergangen, aber bis zu meinem Tod werde ich mich an jede Sekunde dieses Januarmorgens erinnern.«)
er selbst hebt vor allem diese letzten Minuten des Films heraus.277
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Vgl. French (1998), S. 228 f.
Viele Elemente des Films bauen auf persönlichen Erinnerungen des Regisseurs auf – er versuchte demnach auch nicht, eine in allen Einzelheiten der Realität entsprechende Darstellung zu rekonstruieren: »Je n’ai pas du tout essayé de faire une reconstitution historique; j’ai voulu garder mon souvenir à moi, subjectif.«278
278
Malle in Jeune Cinéma 183 (10/87), zit. n. Prédal (1989), S. 152 (»Ich habe keinesfalls versucht eine historisch korrekte Rekonstruktion zu schaffen; ich wollte mir meine eigenen, subjektiven Erinnerungen behalten.«)

Die Berechtigung der Frage nach höchstmöglicher Objektivität der Darstellung ist somit zweifelhaft. Malle gestaltet den Film bewusst als subjektive Geschichte, die seine Gefühle wiedergibt. Demnach ist der beeinflussende Gebrauch der Musik als Mittel zur Schaffung eben dieser subjektiven Realität zu rechtfertigen. Es ist müßig zu spekulieren, wie diese letzte Szene ohne Musik wirken würde, obwohl Jean-Claude Laureux darauf hinweist, dass diese Frage bei der Montage diskutiert wurde:

»La musique finale a failli ne pas y être. Ça a été beaucoup déplacé, ça a été enlevé, ça a été remis, il y a eu beaucoup d’hésitations par rapport à ça. Je crois que j’étais assez contre la musique. Je pensais que c’était un peu trop forcer la main du spectateur dans l’émotion. Et du coup, je trouve que là, il [L. M.] a été un peu plus dirigiste. Dans un film moins intime, peut-être que j’aurais eu gain de cause quand je disais que cette musique à la fin, c’est quand même un peu appuyé.279

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»Die Musik am Ende wäre fast nicht montiert worden. Sie wurde oftmals verschoben, weggenommen, wieder eingesetzt; es gab über diese Verwendung viele Zweifel. Ich glaube, ich war eher gegen diesen Musikeinsatz. Ich meinte, dass so der Zuschauer zu sehr in eine emotionale Richtung gedrängt wurde. Und so denke ich, dass er [Louis] in diesem Fall ein wenig lenkender [als in anderen Filmen] war. In einem weniger persönlichen Film hätte ich vielleicht das letzte Wort gehabt, als ich sagte, diese Musik am Ende sei doch ein wenig aufgesetzt.« (Interview mit dem Verfasser, 4. 4. 2001)

Über den Gebrauch von Schubert am Ende des Films sagt Emmanuelle Castro: »A la fin, il y a aussi la musique de Schubert mais c’est comme une réminiscence dans le regard de cet enfant, enfin ça marque le film, mais c’est vraiment trois ponctuations.«280

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Zit. n. Le bon plaisir (»Am Schluss ist auch die Musik von Schubert, aber hier als eine Art Nachklang im Blick dieses Kindes; die Musik kennzeichnet den Film, aber nur ganz punktuell.«)
Hier wird der für Malle subjektive Charakter der Musik deutlich, da

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