- 237 -Fastenau, Volker: "...comme si on appuyait sur une sonette?" 
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wirkt diese Musik, die ursprünglich aus dem Süden der USA stammt, in diesem Ostküstenseebad deplaziert;628
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Um diesen Aspekt zu erläutern sei Tony Palmer zitiert, der zum inhaltlichen Kontext der frühen Country-Stücke schreibt: »Das alles [religiöse Themen, Blut und Lüste, Liebe und Rache] wurde durch einen Tränenschleier gesehen in Erinnerung an den treuen Hund, der an der heimischen Schwelle wartet, während drinnen betrübt die hübsche Mutter am gedeckten Tisch sitzt. Ihrer Vergangenheit entsprechend bekannte sich diese Musik zum reuigen Sünder, zum bekehrten Säufer, zur Moral und zur gerechten Strafe. [. . . ] Diese Hausmacherkost war eine ebenso kraftvolle Mixtur wie der schwarz gebrannte Whisky, der dazu getrunken wurde.« (Palmer (1994), S. 181 f). Abgesehen davon, dass man derart verklärte Cowboy-Romantik in Atlantic City vergebens sucht, verhält sich keiner der Charaktere im Film als ›reuiger Sünder‹. Vielmehr versucht ein jeder, den maximalen Profit aus dem Leben zu gewinnen, und dieses jenseits von moralischen Einschränkungen.
sie trägt also gleichzeitig auch zu der nur schwer in Worte zu fassenden Atmosphäre aus Verzweiflung und gegebenenfalls sogar Trauer (bei Sally) und Euphorie und Beschützerinstinkten (bei Lou) bei.

Trio Jazz und Marseillaise (Take 12/13/25) Joseph, Sallys Croupier-Lehrer, repräsentiert im Film Frankreich und europäische Lebensart. In ihm bündeln sich die Träume und Fantasien, die sich Sally von französischer Eleganz und Monte Carlo macht. Sie hat den festen Plan, als Croupier bis nach Monaco aufzusteigen. Im Film werden Frankreich bzw. die damit verbundenen Vorstellungen durch drei Takes charakterisiert, im Stück Trio Jazz und der Marseillaise. Die Marseillaise wird – jeweils als Anfangsjingle – an zwei Stellen montiert, vor einem Sprachkurs auf Kassette und im Radio vor einer Schulfunksendung über französische Weine. Damit dient die Hymne als Markenzeichen für französische Kultur und Savoir-vivre; sie entspricht somit dem Klischee, das sich Amerikaner von Frankreich machen – eine elegante Sprache und erlesene Weine. Diese Plakativität wirkt abermals ironisch, zumal der Sprachkurs solch stupide Repetierfragen wie »Etes-vous M. de Gaulle?« enthält und die Marseillaise im Radio verjazzt, sprich: für Amerikaner schmackhaft gemacht wird. Sozusagen ›Frankreich light‹, dem amerikanischen Durchschnittsintellekt angepasst. Das Stück Trio Jazz wirkt atmosphärisch subtiler, indem es durch die harmonische Rückung (gerade in dem Moment, in dem Joseph und Sally auf den Balkon treten und er ihr vom Kasino in Monaco erzählt) wie der Eintritt in eine andere Welt wirkt – die Welt der monegassischen Eleganz, wie sie in Sallys Fantasie existiert. Damit vertont die Musik die Traumwelt, die Sally erreichen möchte.

Die Rolle der Opernarie Casta Diva aus Norma von Bellini

Malle montiert an fünf Stellen im Film und an zwei Stellen im Abspann Ausschnitte der berühmten Arie Casta Diva aus der Oper Norma von Vincenzo Bellini. Durch die stilistisch isolierte Position der Musik inmitten von Rock, Jazz und Country-Klängen und die häufige Verwendung des Stücks wird der besondere Stellenwert deutlich. Die Musik ist untrennbar mit Sally verbunden, die die Arie stets mit Hilfe ihres kleinen Kassettenrekorders zu hören pflegt. Es ist im Zusammenhang mit der Musikdramaturgie zu untersuchen, welche Funktion die Musik für Sally und im Gesamtkontext des Films innehat.


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