- 239 -Fastenau, Volker: "...comme si on appuyait sur une sonette?" 
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und wissbegierige Sally, die entschlossen ist, ihren sozialen Status zu verbessern und bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit etwas zu lernen.633
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Vgl. Segment 72, in dem Sally Lou bittet, ihr Informationen und Weisheiten beizubringen: »Teach me stuff!«
Die Norma-Arie, die sie von ihrem hinterlistigen Croupierlehrer erhalten hat (der es wiederum nur auf sie abgesehen hat), repräsentiert für sie die europäische Kultur und Tradition;634
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Somit ist die Musik auch Ausdruck für ihre Sehnsüchte, und wenn sie sich zu dieser Musik reinigt, projiziert sie in die Opernmusik ihre Wunschträume von einem Leben in Europa.
im Gegensatz zu der amerikanischen in Form von Jazz und Rock eine völlig neue und fremde Erfahrung für sie (vgl. Sallys unsicherer Kommentar auf Josephs Frage nach der Musik: »Yeah, I’m beginning to like it«). Malle entlarvt somit ihre herbeigesehnte ›Befreiung‹ aus »ehemals finanziell bescheidenen und geistig engen Verhältnissen«635
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Vogt (1990), S. 238
als die Aneignung von Pseudowissen, welches die gleiche fragwürdige Qualität hat wie die Reportage über Weine im Autoradio am Ende des Films (Segment 102). Deutlich wird dieses auch in ihrer Äußerung zu Lou während des gemeinsamen Mittagessens in Segment 72: »I am learning about music and I am gonna start reading books, you know, developing some style, learning the languages, cause I really wanna travel.« Es ist dieses Potpourri aus Musik, Literatur und Französisch-Sprachkassetten, mit dem sich Sally auch von ihrem Ex-Ehemann Dave abheben will,636
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Somit kann das Einreiben mit Zitronensaft und das Hören des ›höheren‹ Kulturgutes Oper auch als eine Art innere und äußere Katharsis gelten, durch die Sally sich sowohl vom Geruch der Austern als auch von ihrer kulturellen Herkunft reinwaschen will.
der – wie Segment 20 zeigt – der Opernmusik trotzig den Bellini-Rock als Kennzeichen seiner eigenen kulturellen Identität entgegensetzt. In dieser und den darauffolgenden Szenen dient die Musik für Sally offensichtlich als eine Art Therapeutikum: »gegen die Hektik der sich in der Wohnung ausbreitenden Besucher Dave und Chrissie hat Sally ihre Beruhigungsmusik eingestellt«.637
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Vogt (1990), S. 242

Noch deutlicher wird dieser Aspekt in Segment 23, wenn Sally stürmisch aufbricht, um zum Croupier-Kurs zu gelangen, und sich immer wieder einredet »I am not gonna get upset!«, während die Musik mit unverminderter Lautstärke aus ihrer Handtasche dringt und gerade zwischen den vielen Menschen auf dem Boardwalk befremdlich wirkt.

Die Musik wird von Sally folglich nicht aus Kunstgenuss eingesetzt, sondern aus selbst auferlegtem Kunstzwang und als ständige Erinnerung an ihr Ziel, beruflich in Europa zu reüssieren, dessen Erreichen durch den mehr oder weniger unreflektierten Gebrauch der Musik als Beruhigungsmittel und intuitiver Begleitung der Waschprozedur schon frühzeitig in Frage gestellt wird.638

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Ein Scheitern von Sallys Plänen wird noch wahrscheinlicher, nachdem der Mafia-Killer ihren Kassettenrekorder in Segment 77 in Stücke schlägt und damit die Abrufbarkeit der europäischen Illusion in Form der Norma-Kassette, aber auch des französischen Sprachkurses unmöglich wird.

Allein dem Musikkenner werden an dieser Stelle die Mehrschichtigkeit und die weiteren Ebenen der Musik bewusst; können die Kodierungen der Musik nicht identifiziert werden, bleibt lediglich der atmosphärische Eindruck der Musik in den Waschszenen, das Zusammenwirken von romantischem musikalischen Gestus mit Dämmerlicht und entblößtem Frauenoberkörper.


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