- 40 -Fastenau, Volker: "...comme si on appuyait sur une sonette?" 
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Einen amüsanten grotesken Effekt findet man während der Verfolgungsjagd in Segment 25. Zazie erklimmt einen Treppenaufgang und mimt einen Redner. Dazu erklingt (rückwärts gesprochen) die Stimme Philipe Noirets im Stile des Generals de Gaulle: »Son nom n’était connu, en dehors des milieux militaires, que de quelques militaires.«99

99
»Außerhalb des Militärs war sein Name nur einigen Militärs bekannt.« (Vgl. »Zazie dans le métro – découpage«, S. 29)
Auf diesen Nonsens ertönt brandender Applaus, an dem sich auch der aufmerksam zuhörende Pedro beteiligt. Es wird klar, dass Malle Kritik am Verhalten der Massen in Bezug auf Herrscher und Demagogen übt. Eine ähnliche Stelle findet sich am Ende des Films in der Szene, in der Trouscaillon-Pedro als Diktator auftritt. Auch hier erklingt im Off Applaus.

In drei Szenen erlebt der Filmzuschauer den subjektiven Klangeindruck, den eine im Film auftretende Person wahrnimmt. So wird in Segment 7 die Schimpftirade Zazies auch für den Zuschauer unverständlich, nachdem sie Turandot das Hörgerät aus dem Ohr gezogen hat. An anderer Stelle hört Pedro im Flohmarkt-Restaurant nur noch auf das Knacken der Muscheln und ist derart mit dem Säubern seiner Jacke beschäftigt, dass er nicht mehr Zazies Erzählung versteht. Ebenso wenig versteht der Filmbetrachter, was sie berichtet, da der Text rückwärts erklingt. In Segment 11 steht Zazie im Badezimmer und der Zuschauer hört, was sie sich sehnlichst wünscht: die Métro, welche freilich nur in ihrer Fantasie fährt. Gerade in den zitierten Beispielen dienen die Soundeffekte der Zeichnung der Charaktere, ihrer Wünsche und Ängste und sind somit ein wichtiger Bestandteil filmischer Erzähltechnik. Der Zuschauer nimmt die »point d’écoute«100

100
Vgl. Chion, Michel: Le son au cinéma. Paris: Editions de l’étoile 1985, S. 51 ff.
, die Hörperspektive der einzelnen Charaktere, an.

In Segment 60 wird das Verhältnis von Bild und Ton umgekehrt. Richtet sich im traditionellen Film der Ton (gerade Geräusche und Sprache) nach den Ereignissen auf der Bildebene, so verhält es sich hier umgekehrt: Als Albertine von Mados Kleid erzählt, das diese am 14. Juli getragen hat, klappt von der Decke ein leuchtender Lampion, begleitet von einem Glöckchenton, ins Bild (der Lampion steht hier als Symbol für den französischen Nationalfeiertag). An anderer Stelle schwelgen Gabriel, Gridoux und Turandot in sentimentalen Kriegserinnerungen, worauf drei deutsche Soldaten durch das Bild schreiten. Diese Szenen sind mehr als nur simple Gags, rütteln sie doch an den Fundamenten der traditionellen Filmtechnik und –sprache, zu der auch der Ton gehört.

  Fazit

Die Fragestellung war, inwieweit die Musik das Konzept des Filmes (Kritik an der Filmsprache) - auf das eigene Medium bezogen - mitverfolgt. Auf literarischer Ebene erreicht Queneau diese Auseinandersetzung durch das Pastiche und durch das bunte Vermengen unterschiedlicher Stile. Malle versucht sich entsprechend durch Anleihen an vergangene Filmstile und Parodien auf filmische Klassiker dieser Ästhetik zu nähern.


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