4. Funktionelle Musik – Hintergrundmusik – »Environmental Music«
4.1. Definitionsproblematik
Die Frage, ob Musik grundsätzlich bestimmte Funktionen erfüllt, ist abhängig von der
zugrunde liegenden Vorstellung des Gegenstandes »Musik«. Aus soziologischer und
psychologischer Perspektive steht eine Funktionsgebundenheit nicht in Frage. Das hat
damit zu tun, dass ihr zwangsläufig Handlungen zugrunde liegen: sie komponiert sich
nicht von selbst, erklingt nicht von selbst und rezipiert sich auch nicht selbst. Der
Soziologe Max Weber hat 1921 vier idealtypische Funktionsbereiche von Musik benannt:
(1) zweckrationale Funktionen (politisch, wirtschaftlich oder erzieherisch ausgerichtet),
(2) traditionale Funktionen (rituell, geschichtsbezogen, überliefernd), (3) wertrationale
Funktionen (gute-schlechte, schöne-unschöne Musik) und (4) affektbestimmte/emotionale
Funktionen (psychische Resonanz, Projektion oder Abreaktion von Stimmungen und
Gefühlen).1
Helmut Rösing präsentiert einen »Katalog« von möglichen zeitgenössischen Funktionen
von Musik, der in zwei idealtypisch strukturierte Hauptbereiche unterteilt ist:
einen gesellschaftlich-kommunikativen Bereich und einen individuell-psychischen
Bereich.2|
Vgl. Rösing (1997), Sonderfall Abendland, 77f.
|
Beiden ordnet er eine Reihe von Teilfunktionen zu (siehe folgende Tabelle).
Alle aufgelisteten Teilfunktionen können sich ergänzen und überlagern. Ästhetische
Produktions- und Aneignungsweisen von Musik fallen in dieser Aufstellung
übrigens in die linke Spalte, spielen bei einer Reihe von Teilfunktionen eine Rolle
(besonders bei den erzieherischen, gesellschaftskritischen, Verständigungs- und
Selbstverwirklichungsfunktionen) und werden somit von Rösing als kommunikativer
Akt begriffen. Während die gesellschaftlich-kommunikativen Funktionen stark
auf den jeweiligen Kontext verweisen, in dem die Musik erklingt, orientieren
sich die individuell-psychischen Funktionen am rezipierenden Subjekt, »z. B.
durch Assoziationen und Imaginationen im Hinblick auf die eigene psychische
Bedürfnislage«.3 |
Rösing (1997), Sonderfall Abendland, 78.
|
Im Zuge der starken Zunahme von »Lautsprechermusik«, welche die Musikwiedergabe
vom »realen Aufführungsanlass« abkoppelt, erkennt Rösing in der starken Dominanz der
individuell-psychischen Funktionen eines der signifikantesten Merkmale zeitgenössischer
Musikkultur.
|