- 151 -Lehmann, Silke: Bewegung und Sprache als Wege zum musikalischen Rhythmus 
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Auch die emotionale Bewertung von Musik scheint Einfluss darauf zu haben, in welcher Seite des Gehirns die entsprechenden Verarbeitungsprozesse stattfinden: Versuche konnten zeigen, dass

positiv bewertete Musikstücke zu einer stärkeren linkshemisphärischen Lateralisation der Aktivierung von Stirn- und Schläfenhirn führten, während bei negativ bewerteter Musik beide vorderen Stirn- und Schläfenregionen gleichermaßen aktiviert waren. (ebd., S. 36).

Die Erkenntnis, dass sich die Verarbeitungsvorgänge von professionell Musizierenden von denen ungeübter Versuchspersonen unterscheiden, zeigt, dass sich variierende Lernzugänge dauerhaft im Gehirn abbilden. Eine musikalische Ausbildung geht in der Regel einher mit einer Verstärkung des verstandesmäßigen Zugangs zur Musik. So zeigten moderne bildgebende Verfahren, dass musikalisch nicht ausgebildete Personen während des Hörens von Musik Aktivierungsmuster im vorderen Bereich des rechten Schläfenlappens zeigten, Musikerinnen und Musiker dagegen zusätzlich linkshemisphärische Hörareale aktivieren (vgl. Schuppert u. a. 2000). Diese Fähigkeit zwischen verschiedenen Strategien wählen bzw. beide kombinieren zu können, verschafft nachweisliche Vorteile in der Reizverarbeitung: Die im Abschnitt 7.3.1 erwähnte Studie von Müller (1998) hatte gezeigt, dass musikalisch Geübte mit Rhythmen (in Zusammenhang mit oder ohne Sprache) besser umgehen können, eben weil sie in der Lage sind, nicht entweder nur analytisch oder holistisch zu arbeiten, sondern auch beide Zugänge verknüpfen können.

Auch die oben beschriebene Aktivierung großräumiger Hirnareale führt zu einer nachweisbaren Veränderung in Verarbeitungsprozessen: Eine Untersuchung von 50 professionellen Musikern zeigte, dass diese schon im Ruhe-EEG eine stärkere Kooperation verschiedener Hirnregionen – auch über beide Hemisphären hinweg – aufweisen, besonders in der Scheitelregion. Außerdem ist bekannt, dass die Verbindung zwischen beiden Hirnhälften, der Balken, bei Musikerinnen und Musikern stärker ausgeprägt ist als bei Nicht-Musizierenden (vgl. Petsche 1997, S. 90).

Insgesamt läßt sich feststellen, daß das Zentralnervensystem eine gewisse Plastizität in der anatomischen und neuronalen Organisation aufweist, die durch frühzeitig beginnendes und kontinuierliches musikalisches Training meßbar beeinflußt werden kann. (Gembris 1998, S. 144).

Dieser Einfluss erstreckt sich auch auf das Kleinhirn, das bedeutsame Anteile am Gelingen präziser motorischer Aufgaben hat: es ist bei professionellen Musikerinnen und Musikern größer als bei Nicht-Musizierenden (vgl. Altenmüller u. Gruhn 2002, S. 72).

Faktoren, die Art bzw. den Ort der neuronalen Repräsentation beeinflussen sind
—  situative Umstände, sind
—  individuelle Strategien,
—  Art des Lernzugangs,
—  emotionale Bewertung,
—  musikalische Vorbildung.


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