- 29 -Lehmann, Silke: Bewegung und Sprache als Wege zum musikalischen Rhythmus 
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S. 68). Die Kenntnisse authentischer Aufführungspraxis führen die Idee grundsätzlicher Auftaktigkeit ins Absurde.

Die Motivtheorie machte Riemann blind für das innere Taktmetrum, für einen Faktor, der für die Musik der Klassik, auch für die Beethovens noch, von prinzipieller Bedeutung ist. Sie setzte ihn außerstand, die Spannung zwischen dem inneren Taktmetrum und dem Rhythmus der Melodie zur Sprache zu bringen (Seidel 1998, Sp. 303).

Und dennoch bleibt die Tatsache, dass Riemanns Aussagen reflektiert oder unreflektiert – in Auffassungen und Bedeutungszuschreibungen bis in die heutige Musiktheorie (und Musikpraxis) Wirkung zeigen (vgl. Henneberg 1974, S. 253f.).

Riemann wendet die Begriffe Rhythmik und Metrik überwiegend auf große, taktübergreifende und damit die Form betreffende Zusammenhänge an.
Die subjektiven Vorgaben, die Riemann für die Ausführung von Musikwerken macht, sind aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar.

3.2.7.  Theoretiker nach Riemann: Wiehmeyer, Becking und Kurth

Theodor Wiehmeyer setzt sich 1917 in seinem Werk »Musikalische Rhythmik und Metrik« kritisch mit Riemann auseinander. Er möchte die Akzenttheorie rehabilitieren und die Dynamik der Tonverbindungen wieder aus der Rhythmik ausschließen. Anders als Riemann sieht er den richtigen Weg im Anknüpfen an die antike Verslehre; gleichwohl übernimmt er Riemanns Terminologie: unter dem Begriff Rhythmus erläutert Wiehmeyer die Zusammensetzung der grundlegenden Einheiten, unter dem Begriff Metrum den Zusammenschluss zu Gruppierungen höherer Ordnung. Ergebnisse empirischer Untersuchungen zur Wahrnehmung fließen in Wiehmeyers Theorie ein, so gibt er an, wie das Tempo gleichmäßiger Schläge empfunden wird:

bei einer Dauer von 1,07 Sekunden (M. M. = 56) als langsam, 0,78 Sekunden (M. M. = 76) als mäßig langsam, 0,64 Sekunden (M. M. = 92) als adäquat, 0,55 Sekunden (M. M. = 108) als mäßig schnell, 0,42 Sekunden (M. M. = 144) als schnell. (Wiehmeyer 1917, S.|,25).

Außerdem benennt er die Sinnesebenen, die den Rhythmus empfinden: »Außer dem Tastsinn, der uns den Pulsschlag wahrnehmen läßt, besitzen wir noch zwei Sinne zur Vermittlung rhythmischer Vorgänge: den Gesichtsinn und den Gehörsinn« (ebd., S. 27).

Sphärische Schwingungen

Gustav Becking, Schüler Riemanns, nennt seine Abhandlung »Der musikalische Rhythmus als Erkenntnisquelle«. Er verlässt die objektiven Strukturen, indem er »Oberfläche« und »Untersphäre« (Becking 1928, S. 11) unterscheidet. Zur Kenntlichmachung der nicht in Worte fassbaren Empfindungen, der Unterströmungen, empfiehlt Becking die so genannten Begleitbewegungen nach Eduard Sievers, die anders als beim Dirigieren nur mitvollziehend, nicht anweisend gedacht sind:


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