- 20 -Müßgens, Bernhard: Musik und Angst 
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1.2 Schwerkraft des Grundtons und freitonales Komponieren


Raum- und Lichtassoziationen sowie oft unbewußte Bewegungsbilder verbinden die akustischen Wahrnehmungen beim Hören von Musik zur Einheit einer ästhetischen Apperzeption. Der Raum der musikalischen Gehörswelt ist für Ernst Bloch ein innerer, unendlicher Raum. Er entfaltet sich als "Fixsternhimmel" nach eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Das harmonische Grundgefüge aus Kadenz und Modulation sichert vom Generalbaßzeitalter bis zur Auflösung grundtonbezogener Dur-Moll-Tonalität die Einheit ästhetischer Apperzeption von Musik. Der innere Raum musikalischer Bewegungsvorstellungen entspricht dem äußeren, geometrischen und durch Abschreiten in seiner Ausdehnung erfahrbaren Raum. Die klassische harmonische Kadenz bringt Schwerkraft und Spannungsverhältnisse in die Musik. In Anlehnung an Architektur und Bildende Künste entsteht die Vorstellung vom in sich geschlossenen und ästhetisch autonomen musikalischen Kunstwerk: "das tonale Haus" ist gebaut, die "ganz eigentlich erst 'musikhafte' Weite, Perspektivik, Transzendenz des Tonraumes vorgebildet" (Bloch, Geist der Utopie 2, 53).

     Die Lösung vom Grundton, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts vorbereitet und zu Beginn des 20. vollzieht, kommt einer kopernikanischen Wende in der Musik gleich. Die geometrischen Raumdimensionen verlieren in bezug auf den Raum musikalischer Wahrnehmungen und Bewegungsvorstellungen ihre absolute Gültigkeit. Der innere Raum konstituiert sich allein vom empfindenden Subjekt her. Musik, losgelöst von der Schwerkraft des Grundtons und vom geometrischen Raum, macht sich insbesondere den Ausdruck der Angst zu eigen.

     "Das neue, nicht mehr pädagogische sondern reale Symbol in der Musik" erscheint Ernst Bloch als ein "Licht am fernsten, allerdings innersten Fixsternhimmel". Sein Empfindungsgehalt bleibt, dem Archetypus vergleichbar, unbestimmt. Im Hintergrund steht die Tonsprache seiner Zeit. Sie ist von Musikern und Komponisten wie Gustav Mahler, Franz Schreker, Richard Strauss und vom Wiener Kreis um Arnold Schönberg geprägt und insgesamt von den tiefenpsychologischen Erkenntnissen Sigmund Freuds beeinflußt.

     Aus der Sicht der Psychoanalyse der Jahre bis 1925/26 tritt die Angst an die Stelle aller verdrängten Triebregungen. Sigmund Freud vertritt zunächst die Auffassung, die verdrängten Triebansprüche verwandelten sich auf einem ihm noch unbekannten somatischen Wege unmittelbar in Angst. Bei äußerer, drohender Gefahr fungiert die Angst zugleich als Impuls zur Flucht. Beide Auffassungen lassen sich auf


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