denn beide
Hörbeispiele stellen – unabhängig von ihren je spezifischen Kontexten – keine
unbeeinflussten Dokumente tatsächlicher Singpraxis dar, die die Realität möglichst
angemessen abbilden. Sie verkörpern zwar unterschiedliche aufnahmetechnische
Standards. Auch haben ihnen verschiedene Produktionsformen die nun hörbare Gestalt
gegeben. Allerdings sind sie beide deutlich manipuliert. Diese Eingriffe und Zurichtungen
müssen bei einer Forschungsaufnahme kontrollierbar sein. Dieser wissenschaftlichen
Anforderung unterliegen die eigeninitiativ und privatwirtschaftlich produzierten
Aufnahmen von Musik- und Gesangsgruppen jedoch nicht. Damit aber stellen sie eine
große Herausforderung an die Fachkenntnis und Analysefähigkeit des Forschers dar.
Offensichtlich jedoch – dies sollten die Beispiele zeigen – sichert die zunehmende
Perfektionierung der Aufnahmetechnik nicht automatisch, dass sich die Seriosität jener
Maßnahmen, die die Aufnahme begleiten, ebenso weiterentwickelt: Ich meine namentlich
das Arrangement der Aufnahmesituation, die Tonabmischung und die anschließende
Datenverarbeitung. Damit lässt sich strukturell keine forschungstechnisch relevante
Verbesserung der dokumentarischen Qualität dieser Quellen erkennen. Wie erklärt sich
dies?
Die historische Entwicklung der Aufnahmetechniken
Bereits ein Blick auf die historische Entwicklung der audiovisuellen Aufnahmetechniken
und der sie begleitenden Maßnahmen lässt neben den Fortschritten auch Momente
erkennen, die zu gleichbleibenden Abstrichen in quellentechnischer Hinsicht führen. Ich
beziehe mich dabei exemplarisch auf die Tontechnik. In diesem Bereich folgten
verschiedene Arten der Schall-Reproduktion in den Apparaturen aufeinander: von
mechanischen über elektromagnetische bis hin zu optischen Verfahren. Auch die
Art der Speicherung differiert: Hier ging der Weg von analogen zu digitalen
Verfahren.13
Elste, Martin: Kleines Tonträger-Lexikon. Von der Walze zur Compact Disc. Basel/Kassel
1989.-->
Ich möchte die markanten Schritte der Aufnahmeentwicklung nur kurz skizzieren:
Tonaufzeichnungen des realen Schalls begannen im letzten Viertel
des 19. Jahrhunderts durch die Erfindungen des Phonographen
(Thomas Alva Edison 1877/78) und des Grammophons (Emil Berliner
1888).14
Zur allgemeinen Entwicklungsgeschichte der Aufzeichnungstechniken siehe Elste 1989
(wie Anm. 13); Elste, Martin: Von der Partiturwissenschaft zu einer Klangwissenschaft.
Überlegungen zur Schallplattenforschung. In: Jahrbuch des Staatlichen Instituts für
Musikforschung, Preußischer Kulturbesitz. Bd. 1983/1984 (1984) S. 115–144; Heckmann,
Harald: Schallaufzeichnungen als musikgeschichtliche Quellen. In: Fontes Artis Musicae 27/1
(1980) S. 5–12; Rhein, Eduard: 100 Jahre Schallplatte. Vom Phonographen über die Laser-Disc
– wohin? (= Berliner Forum 2/87). Berlin 1987 sowie Schafer, R. Murray: Klang und Krach.
Eine Kulturgeschichte des Hörens. Frankfurt a. M. 1988. bes. S. 122–125.-->
Erste wissenschaftliche Aufnahmen mit dem Phonographen geschahen in den 1890er
Jahren in den USA und einzelnen europäischen Ländern (z. B. Ungarn, Frankreich,
Schweden).
15
Voigt, Vilmos: Megoldott és megoldatlan kérdések hangrögzítésünk kezdetei körül. In:
Néprajzi értesíto 79 (1997) S. 103–107.-->
Der Phonograph wurde von Musikforschern vereinzelt bis in die 1950er
Jahre verwendet, da er transportierbar war und keine Elektrizität
benötigte.
16
Zum Entwicklungsgang der technischen Ausrüstung für die Feldforschung siehe exemplarisch
Haid, Gerlinde: Zur Methodologie volksmusikalischer Feldforschung in Österreich. In: Das
Schallarchiv 5 (1979). S. 14–28; Hoerburger, Felix: Erinnerungen an erste Versuche auf dem
Gebiet der musikethnologischen Feldforschung. In: Rüdiger Schumacher (Hg.): Von der Vielfalt
musikalischer Kultur. Festschrift für Josef Kuckertz zum 60. Geburtstag. Anif/Salzburg 1992.
S. 233–236; Haid, Gerlinde: Methodologie und Praxis der volksmusikalischen Feldforschung in
Österreich. In: Gisela Probst-Effah (Hg.): Feldforschung heute. Protokoll der Arbeitstagung der
Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde
28.9.–2.10.1980 in Aichwald. Neuss 1983. S. 52–64.-->
Dem standen allerdings