gelegte Musikleben
von ›E‹ bis ›U‹ mit einbezieht, sondern wesentlich die Musik einer kleinen
Komponistenschar bedenkt, die der so genannten ›E‹-Musik zugerechnet wird. Und der
Mangel zeigt sich eben auch, wenn neue Instrumente Musik klingen lassen und
eine angemessene Sprache zur Auseinandersetzung mit solcher Musik nicht
vorliegt.
Mit dem Verlust der Sprache zur adäquaten Beschreibung gegenwärtigen
musikalischen Geschehens ist eine Musikwissenschaft aber möglicherweise auf Dauer
besehen in ihrer Existenz selbst bedroht. Mit einer fortschreitenden Musik auf der einen
Seite und Sprachregelungen der Vergangenheit, die Analysen leiten, auf der anderen
Seite wird mehr und mehr aneinander vorbeigeredet. Mithin besteht die Gefahr, dass
eine zu sehr der Tradition verhaftete Musikwissenschaft, indem sie das Verständnis für
die gegenwärtige Sprache der Musik nicht mehr hinreichend sucht, auch den
kommunikativen Anschluss an andere relevante gesellschaftliche Systeme nicht mehr
findet, die für diese Haltung kein Verständnis mehr haben. Die laufende Reproduktion
von Kommunikation über Musik läuft mehr und mehr am dem dafür vorgesehenen
System vorbei. Damit verödet Kommunikation und das System bzw. die Institution
gleich mit, zumindest aber verliert eine solche ihren Status, der neu – und von anderen
dann – geregelt wird. Diese Problematik ist nicht von der Hand zu weisen. Eine breit
angelegte Öffnung für musikalische Tendenzen in der Gegenwart kann der Zukunft
musikwissenschaftlicher Institutionen und Traditionen nur dienlich sein und
könnte mancher Kritik am Fach die bedrohliche Spitze nehmen. Einer weiteren
Entwicklung allerdings, die sich aktueller Musik nicht kritisch konstruktiv stellt bei
gleichzeitig mangelnder kritischer Reflexion der eigenen Positionen, wäre mit
Sorge zu betrachten. Überlegungen von Hans Heinrich Eggebrecht, die er 1972
machte und im Jahr 2000 in einem Selbstzitat wiederholte, geben dieser Sorge
Nahrung. Dort schrieb er: »Das Altern der Musikhistoriographie zeigt sich äußerlich
als Trend zu ihrer Verselbstständigung in sich selbst, wo sie im Starren auf
ihre Objekte ein geschichtliches Konzept nicht mehr artikuliert, im Sog des
Publikumsmarktes sich verschleißt, trotz Mammutkongressen unbeachtet bleibt,
in der Uferlosigkeit beliebiger Details endlose Fäden spinnt und der Gefahr
erlegen ist, in unreflektierten Fragestellungen und Stoffbereichen im Schatten
tradierter Motivationen geschäftig zu sein und in leerer Betriebsamkeit und
Bürokratisierung Material zu häufen und zu verwalten« (Eggebrecht 2000:
3f.). Er fährt fort: »Das könnte ich heute so ähnlich wieder schreiben« (ebd.)
und bedauert die Wirkungslosigkeit seiner Worte. »Verselbständigung in sich
selbst, Konzeptionslosigkeit, leere Betriebsamkeit«, das sind die Beschreibungen,
die er auch für die Musikwissenschaft der Gegenwart findet. Er tadelt sich
selber des zu pauschalen Urteils und der mangelnden Differenziertheit seiner
Argumentation, die seine Worte möglicherweise einst in den 70er Jahren folgenlos ließen,
bemüht sich im weiteren Verlauf zur Konkretisierung und fragt schließlich:
»Die musikwissenschaftliche Welt – so ist sie gefügt. Durch wen und durch was
könnte es geändert werden? Durch niemanden und nichts« (Eggebrecht 2000:
5), so folgert Eggebrecht im Verlauf seiner kritischen Bestandsaufnahme zur
Musikwissenschaft, als er trotz einer regen Publikationstätigkeit den Mangel an
relevanten Publikationen, die sich der Diskussion stellen, erörtert. Und es klingt ein
bedauerndes Nichts ändert sich, wo Änderung Not täte darin mit. Der Mangel an
Veränderungswillen wird institutionenimmanent