- 65 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander  
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wohl beklagt, doch Lehren daraus werden nach Eggebrecht kaum gezogen. So können nicht gewollte, unliebsame und dann fatale Änderungen von außen in die Musikwissenschaft (und andere musikausbildende sowie anderweitig mit Musik sich beschäftigende Institutionen) hereinbrechen, wenn ein Selbsterneuerungsprozess von innen heraus nicht gelingt. Und aus gutem Grunde mögen solche Veränderungen angedacht oder vielleicht auch vollzogen werden: Der Fachmann für Musik, der der Musikwissenschaftler eigentlich sein sollte, zeigt sich für das Gros der Musik, die sich in der Gegenwart abspielt, nicht nur nicht verantwortlich, er kennt sie häufig nicht einmal: »Die allermeisten Musikwissenschaftler, neurotisch besessen aufs Historische, wissen mehrheitlich nicht, worum es heute musikalisch geht« (Mahnkopf 1998: 58), wobei Mahnkopf wesentlich auf die Neue Musik traditionellen Zuschnitts abhebt. Rechnet man die Musik jenseits des großen ›E‹s noch hinzu, bekommt diese Aussage noch größere Relevanz und Prägnanz. Die Folge: Die alten Meister stehen daher oft genug mehr im Zentrum des Interesses, als die oftmals schriftlos daher kommende Musik der Gegenwart. Durch die einerseits unermüdliche Aufbereitung oftmals hinlänglich bekannter Fakten und andererseits durch das Ignorieren zeitgenössischer Musik kann das zur von keinem gewollten Implosion des Faches führen.

So weit ist es noch nicht und die Implosion noch abzuwenden. Und in der Tat sind Veränderungen hier und da zu verzeichnen, indem das notwendige Maß an Gegenwartsbezogenheit und eine wissenschaftliche Offenheit der aktuellen Musikkultur gegenüber gezeigt wird, die die Popularkultur und die digitale Instrumentenwelt nicht ausgrenzt, sondern explizit einbezieht. Sofern solche Ausnahmen zur Regel werden, bei denen Analyse um ein angemessenes Instrumentarium bemüht ist, steht der Zukunftshorizont musikwissenschaftlicher Beobachtungen weit offen.

Dass dieser Zukunftshorizont aber auch umwölkt und gefährdet ist, verdeutlicht stellvertretend für andere die Ansicht Ludwig Finschers, der den Status Quo zu erhalten sucht. Er beklagt in einem Artikel über den Zustand der Musikwissenschaft nicht nur den Rückgang bspw. der Quellenforschung und die immer weiter zurücktretende Auseinandersetzung mit der Musik des Mittelalters, des 15. oder auch des 16. Jahrhunderts und die veränderte Blickrichtung zugunsten der ›E‹-orientierten Musik des 19. und 20.Jahrhunderts, sondern er setzt die veränderten Blickrichtungen pauschal mit Niveauverlust gleich, da spezifische Kompetenzen, die für eine Quellenforschung nützlich sind, anderweitig nicht abgefragt werden. Er kommt zu dem Schluss: »Folgerichtig werden die Ansprüche immer weiter gesenkt, eine Anpassung nach unten« (Finscher 2000. 12). Diese Schlussfolgerung ist insofern sonderbar, als dass nicht in den Blick gerät, dass durch den vielleicht auch beklagenswerten Wegfall bestimmter Kompetenzen andere ebenso qualitativ hochstehende Kompetenzen, die für die neuen Wissensgebiete nötig sind, geschult und vermittelt werden. Das Füllen der entstandenen Lücke mit anderen hochwertigen Inhalten ist in der Argumentation Finschers schlicht nicht vorgesehen. Ansprüche werden so nicht gesenkt, sondern schlicht nur verändert und den Erfordernissen der Zeit angepasst. Das ist kein geringer Unterschied. Die Pauschalität des Urteils macht denn auch den wissenschaftlichen Standpunkt deutlich, der unverrückbar am Status Quo festhält, weil nicht nachgefragt wird, ob bestimmte Kompetenzen überhaupt noch zeitgemäß sind und worin die gegenwärtig gefragten Kompetenzen


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