wohl beklagt, doch Lehren daraus
werden nach Eggebrecht kaum gezogen. So können nicht gewollte, unliebsame
und dann fatale Änderungen von außen in die Musikwissenschaft (und andere
musikausbildende sowie anderweitig mit Musik sich beschäftigende Institutionen)
hereinbrechen, wenn ein Selbsterneuerungsprozess von innen heraus nicht gelingt.
Und aus gutem Grunde mögen solche Veränderungen angedacht oder vielleicht
auch vollzogen werden: Der Fachmann für Musik, der der Musikwissenschaftler
eigentlich sein sollte, zeigt sich für das Gros der Musik, die sich in der Gegenwart
abspielt, nicht nur nicht verantwortlich, er kennt sie häufig nicht einmal: »Die
allermeisten Musikwissenschaftler, neurotisch besessen aufs Historische, wissen
mehrheitlich nicht, worum es heute musikalisch geht« (Mahnkopf
1998: 58), wobei
Mahnkopf
wesentlich auf die Neue Musik traditionellen Zuschnitts abhebt.
Rechnet man die Musik jenseits des großen ›E‹s noch hinzu, bekommt diese
Aussage noch größere Relevanz und Prägnanz. Die Folge: Die alten Meister stehen
daher oft genug mehr im Zentrum des Interesses, als die oftmals schriftlos daher
kommende Musik der Gegenwart. Durch die einerseits unermüdliche Aufbereitung
oftmals hinlänglich bekannter Fakten und andererseits durch das Ignorieren
zeitgenössischer Musik kann das zur von keinem gewollten Implosion des Faches
führen.
So weit ist es noch nicht und die Implosion noch abzuwenden. Und in der Tat sind
Veränderungen hier und da zu verzeichnen, indem das notwendige Maß an
Gegenwartsbezogenheit und eine wissenschaftliche Offenheit der aktuellen Musikkultur
gegenüber gezeigt wird, die die Popularkultur und die digitale Instrumentenwelt nicht
ausgrenzt, sondern explizit einbezieht. Sofern solche Ausnahmen zur Regel
werden, bei denen Analyse um ein angemessenes Instrumentarium bemüht
ist, steht der Zukunftshorizont musikwissenschaftlicher Beobachtungen weit
offen.
Dass dieser Zukunftshorizont aber auch umwölkt und gefährdet ist, verdeutlicht
stellvertretend für andere die Ansicht Ludwig Finschers, der den Status Quo zu erhalten
sucht. Er beklagt in einem Artikel über den Zustand der Musikwissenschaft
nicht nur den Rückgang bspw. der Quellenforschung und die immer weiter
zurücktretende Auseinandersetzung mit der Musik des Mittelalters, des 15.
oder auch des 16. Jahrhunderts und die veränderte Blickrichtung zugunsten
der ›E‹-orientierten Musik des 19. und 20.Jahrhunderts, sondern er setzt die
veränderten Blickrichtungen pauschal mit Niveauverlust gleich, da spezifische
Kompetenzen, die für eine Quellenforschung nützlich sind, anderweitig nicht
abgefragt werden. Er kommt zu dem Schluss: »Folgerichtig werden die Ansprüche
immer weiter gesenkt, eine Anpassung nach unten« (Finscher 2000. 12). Diese
Schlussfolgerung ist insofern sonderbar, als dass nicht in den Blick gerät, dass durch den
vielleicht auch beklagenswerten Wegfall bestimmter Kompetenzen andere ebenso
qualitativ hochstehende Kompetenzen, die für die neuen Wissensgebiete nötig
sind, geschult und vermittelt werden. Das Füllen der entstandenen Lücke mit
anderen hochwertigen Inhalten ist in der Argumentation Finschers schlicht nicht
vorgesehen. Ansprüche werden so nicht gesenkt, sondern schlicht nur verändert und
den Erfordernissen der Zeit angepasst. Das ist kein geringer Unterschied. Die
Pauschalität des Urteils macht denn auch den wissenschaftlichen Standpunkt
deutlich, der unverrückbar am Status Quo festhält, weil nicht nachgefragt wird, ob
bestimmte Kompetenzen überhaupt noch zeitgemäß sind und worin die gegenwärtig
gefragten Kompetenzen