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au:s Donna Leon, Venezianisches Finale

                                      Copyright © 1992 Diogenes Verlag AG Zürich


Sie blätterte weiter. »Kritik der Eröffnungsvorstellung der römischen Oper. Katastrophe. Mieser Dirigent. Dami hat mir gestern abend erzählt, das Orchester hätte schon seit Wochen über ihn gemeckert, während der ganzen Probenzeit, aber keiner hätte auf sie gehört. Paßt doch zusammen. Niemand hört auf die Leute, die mit dem Lokführer dauernd zu tun haben, warum sollte also jemand auf die Musiker hören, die ihren Dirigenten ständig bei den Proben erleben?«

Er stellt seinen Kaffee so abrupt auf den Tisch, daß etwas überschwappte. Paola zog daraufhin nur die Zeitung näher zu sich.

»Was hast du gesagt?«

»Hmm?« fragte sie abwesend.

»Was hast du über den Dirigenten gesagt?«

Sie blickte auf, nicht seiner Worte, sondern des Tonfalls wegen. »Wie bitte?«

»Über den Dirigenten, was hast du da eben gesagt?«

Wie die meisten Äußerungen, die sie morgens machte, schien auch diese vergessen, sobald sie ausgesprochen war. Paola blätterte zu der Seite zurück, auf der sie den Artikel gesehen hatte, und überflog ihn noch einmal. »Ach ja, das Orchester. Wenn jemand auf die Musiker gehört hätte, dann hätte man gewußt, daß er ein mieser Dirigent war. Schließlich können sie doch am besten beurteilen, wie gut einer ist, oder?«

»Paola«, sagte er und zog ihr die Zeitung vor dem Gesicht weg, »wenn ich nicht mit dir verheiratet wäre, dann würde ich meine Frau für dich verlassen.«

Er sah mit Befriedigung, daß er sie überrascht hatte, was ihm selten genug gelang. Er ließ sie so sitzen, über den Rand ihrer Lesebrille spähend, und ganz und gar nicht sicher, was sie eigentlich getan hatte.

Er rannte alle vierundneunzig Stufen nach unten, begierig darauf, an die Arbeit zu kommen und ein paar Telefonate zu führen.

Als er eine Viertelstunde später im Präsidium ankam, war von Patta noch nichts zu sehen, also diktierte er ein paar kurze Sätze und ließ sie ins Büro seines Vorgesetzten bringen. Danach rief er in der Redaktion des Gazzettino an und bat, mit Salvatore Rezzonico, dem Musikkritiker, verbunden zu werden. Er sei nicht im Hause, hieß es, aber er könne ihn entweder in seiner Wohnung oder im Konservatorium erreichen. Als Brunetti den Mann endlich in dessen Wohnung erreichte und ihm erklärte, weshalb er ihn sprechen wollte, schlug Rezzonico vor, sich im Konservatorium mit ihm zu treffen, wo er um elf eine Vorlesung halten mußte. Brunettis nächster Anruf galt seinem Zahnarzt, der einmal erwähnt hatte, daß sein Vetter erste Violine im Orchester des La Fenice spiele. Er erfuhr, daß der Mann Traverso hieß, rief ihn an und verabredete sich für den selben Abend vor der Vorstellung im Theater mit ihm.

Die nächste halbe Stunde verbrachte er mit Miotti, der nicht viel Neues im Theater erfahren hatte, außer daß ein weiteres Chormitglied gesehen haben wollte, wie Flavia Petrelli nach dem ersten Akt in die Garderobe des Dirigenten ging. Miotti hatte auch den Grund für die offensichtliche Abneigung des Portiers gegenüber der Sopranistin herausgefunden, er glaubte nämlich, daß sie etwas mit »dieser Amerikanerin« hatte. Mehr hatte Miotti nicht zu bieten. Brunetti schickte ihn ins Archiv des Gazzettino, wo er versuchen sollte, etwas über einen Skandal zu


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