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  Dokumentarfilme: Fazit

Die Dokumentarfilme von Louis Malle sind sowohl visuell als auch auditiv stark von der Ästhetik des cinéma direct beeinflusst. Fast alle Filme zeichnen sich durch eine starke Authentizität aus, durch eine möglichst unverfälschte Wiedergabe der Realität, deren subjektive Darstellung jedoch keinesfalls verneint oder kaschiert wird. Die Präsenz der Kamera wird nicht geleugnet, sondern im Gegenteil häufig offen gezeigt. Darin unterscheiden sich die Filme von anderen des Genres Dokumentarfilm, indem sie keine mise en scène der Subjekte beinhalten.

Die Entwicklung der Ästhetik der Dokumentarfilme von Louis Malle ist in hohem Maße vom technischen Fortschritt der Gerätschaften abhängig. So muss unterschieden werden zwischen den frühen Dokumentarfilmen Vive le tour! und Bons baisers de Bangkok, die Malle z. T. auch bereits als cinéma direct bezeichnet, die sich jedoch auf auditiver Ebene künstlicher Geräusche und Atmosphären bedienen, da zum damaligen Zeitpunkt noch keine synchronisierte Aufnahme von Bild und Ton möglich war, und den späteren Filmen, die nach den Indien-Dokumentationen entstanden sind.

Malle vermeidet in diesen Filmen rasante Schnitte und andere visuelle Effekte; parallel dazu bedient er sich nicht auditiver Verzerrungen oder eines beeinflussenden Einsatzes von Musik. Vielmehr montiert er (in den meisten Fällen) lediglich vor Ort aufgenommene Musik und Geräusche, die er fast immer synchron zu den Bildern einsetzt. Die einzige Verschiebung der auditiven Ästhetik in Richtung innerer Realität des Regisseurs besteht in der teilweisen Asynchronität der Musik in den Indien-Dokumentationen und dem Einsatz des gregorianischen Chorals in der Anfangssequenz von Humain, trop humain. Diese Eingriffe dienen der Vermittlung der persönlichen Eindrücke und Gedanken des Regisseurs – ein Aspekt, der für ihn von großer Wichtigkeit ist und auf den er immer wieder hinweist. Es finden sich jedoch an keiner Stelle politische Botschaften oder didaktische Instruktionen für den Zuschauer: Malle wahrt eine gewisse Neutralität.

In diesem Beharren auf Synchronton und der Weigerung, externe Musik zu verwenden, beweist Malle seine Sensibilität für Geräusche und deren Wirkungen. Gerade die Exotik der Geräusche in Indien ist herausgearbeitet worden; aber auch in den französischen und amerikanischen Filmen der 70er- und 80er-Jahre konstituieren die Hintergrundsgeräusche ein wesentliches Element der Tonspur bzw. werden zur Hauptbotschaft, indem sie an die Stelle der Sprache treten (Humain, trop humain). Analog dazu verfährt Malle mit dem akustischen Element der Sprache. Auch sie dient als Kennzeichen der verschiedenen Orte, sei es Madras, Paris, Glencoe oder Houston. Vor allem die Ausdrucksparameter der Stimmen der einzelnen Interviewpartner (Timbre, Stimmhöhe, Akzente etc.), also die parole (im Gegensatz zur langue, vgl. Ferdinand de Saussure: Cours de linguistique générale) bzw. analoger und digitaler Kommunikation bei Schneider,443

443
Vgl. Schneider (1989), S. 127 ff.
geben einerseits Aufschluss über Herkunft, Bildung und zu übermittelnde Information, haben andererseits jedoch auch individuell signifikanten Charakter: Sie verleihen einer Szene einen authentischen (bisweilen exotischen) Anstrich; durch sie gewinnen der Film und die Interaktion zwischen Regisseur und Interviewpartner an Wichtigkeit und

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