- 272 -Fastenau, Volker: "...comme si on appuyait sur une sonette?" 
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Musik Informationen enthält, die das Verständnis des Films und seiner Aussage erst vervollständigen, rückt Malle sie in eine zentrale Position seiner gesamtfilmischen Dramaturgie. Zazie dans le métro ist für dieses Verfahren ein wichtiges Beispiel. Auch andere Regisseure arbeiteten in der Nouvelle Vague mit (vornehmlich visuellen) Zitaten;707
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Vgl. beispielsweise Godards A bout de souffle. Neben zahlreichen Verweisen auf die bildende Kunst posiert Belmondo in einer Szene wie Humphrey Bogart, während er an anderer Stelle eine Straßenverkäuferin der Cahiers du Cinéma und deren Frage: »Vous n’avez rien contre la jeunesse?« (»Sie haben doch nichts gegen die Jugend?«) mit den Worten abfertigt »Si, moi j’aime bien les vieux!« (»Doch, ich mag die Alten gern!«) – das Zitat gewissermaßen als Selbstironie.
Positif -Redakteur Robert Benayoun kritisiert diesen Aspekt in seiner Auseinandersetzung mit den Cahiers-Kritikern, in dem er die übermäßige Verwendung von bestimmten, an Modelle aus anderen Filmen angelehnten Szenen als ›bulimische Verarbeitung‹ verunglimpft.708
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Vgl. Benayoun, Robert: »Le roi est nu«. In: Positif 46 (6/62), S. 1–14
Diese polemische Kritik mag ihre Berechtigung haben, zumal wenn man sie auf das Epigonentum bezieht, welches die Nouvelle Vague-Innovatoren nachzuahmen versuchte; dennoch wird durch die Verwendung zitierten Materials deutlich, dass die Regisseure mit einer Verständlichkeit seitens des Publikums rechneten, von deren Kenntnis des jeweiligen Vorbildes sie ausgingen.

Die Rolle von Geräusch und Sprache

Es wäre zu eng gefasst, die Ästhetik der Tonspur bei Malle nur auf die Musik zu beziehen. Einen ebenso wichtigen Stellenwert – zweifellos abhängig vom Filmgenre – haben auch Geräusch und Sprache inne, wobei mit der Sprache weniger die zu vermittelnde inhaltliche Botschaft, sondern vielmehr Parameter wie Timbre, Akzent etc. gemeint sind. Diese haben einen ähnlichen Stellenwert wie Geräusche und spielen vor allem in den Dokumentar- und den Spielfilmen der 70er und 80er-Jahre eine wichtige Rolle. Exemplarisch seien die Sprechweisen der Figur Lucien Lacombe und der verschiedenen Charaktere im Film Atlantic City, U.S.A. genannt, die nicht nur die jeweiligen Personengruppen, sondern auch die zu ihnen gehörenden sozialen Schichten charakterisieren. Eine Mischform zwischen Sprache und Geräusch findet sich in der Phantasiesprache der alten Dame im Film Black Moon.

Auch im Falle dieser auditiven Elemente hatten die indischen Dokumentarfilme eine entscheidende Rolle, da Malle in der anschließenden Phase eine erhöhte auditive Sensibilität beweist. Als Beispiel seien die Geräuschdramaturgien von Humain, trop humain und Black Moon genannt, in denen die Geräusche den potentiellen Einsatz von Musik ersetzen. Dokumentarisch setzt sie Malle in Pretty Baby und Atlantic City, U.S.A. ein, Filme, die Malles Wertschätzung für das Geräusch (»You could say more with a bell ringing and with an effect that you add on the sound track during sound editing than by a dialog«709

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Malle in Yakir (1978b), S. 10
) und sein ambivalentes Verhältnis zu Filmmusikkomponisten zeigen. Letzterer Aspekt zeigt sich vor allem im Film Atlantic City, U.S.A., in dem Malle den größten Teil der Partitur des renommierten französischen Filmmusik-Komponisten Michel Legrand verwarf und stattdessen auf

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