- 98 -Kietz, Nicola: Musikverstehen und Sprachverstehen 
  Erste Seite (0) Vorherige Seite (97)Nächste Seite (99) Letzte Seite (126)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 

4.5 Erörterung der Ergebnisse

In diesem Kapitel sind einige Modelle vorgestellt worden, die sich der Musik-Sprache-Analogie bedienen. Am Ende kann festgehalten werden, daß diese Analogie durchaus heuristischen Nutzen besitzt.

Auf der einen Seite ist in den dargestellten Theorien deutlich geworden, daß konkrete Methoden der Sprachbeschreibung auch auf musikalisch-syntaktische Strukturaspekte anwendbar sind, sei es die Beschreibung harmonischer Beziehungen durch Propositionen oder die Ausnutzung des generativen Konzepts für die Verdeutlichung stil- und formtypenspezifischer Charakteristika; die Struktur tonaler Musik kann unter Berücksichtigung musikspezifischer Besonderheiten mit linguistischen Mitteln adä-quat beschrieben werden.
Auf der anderen Seite hat sich gezeigt, daß die Möglichkeit eines analogen Methodeneinsatzes zwar keine Garantie für ein analoges mentales Wissen bei der Sprach- und Musikverarbeitung darstellt, daß aber einige Hypothesen, die auf der Basis linguistischer Ansätze aufgestellt wurden, in empirischen Untersuchungen bestätigt werden konnten. Die Ergebnisse des Bruhnschen Experiments machten z.B. deutlich, daß musikalisch-harmonisches ebenso wie sprachliches Wissen in erster Linie Wissen über relationale Zusammenhänge und weniger über absolute akustische Eigenschaften ist. Die experimentellen Untersuchungen zu den Theorien von Stoffer und Lerdahl/Jackendoff bestätigten außerdem eine hierarchische Gliederung musikalischen Wissens, ähnlich den aus der Linguistik übertragenen Strukturbäumen.
Auch wenn dies nur erste Ansätze sind, mentale Überschneidungen zwischen sprachlichem und musikalischem Wissen aufzudecken, so besitzen die Ergebnisse dennoch bereits Erklärungswert für bestimmte musikalische Verhaltensweisen. So wurde in Kapitel 4.4 angedeutet, daß die Verarbeitungsschwierigkeiten bei einigen Arten zeitgenössischer Musik u.a. auf das weitgehende Fehlen hierarchischer Bezüge in dieser Musik zurückgeführt werden können.
Stoffer (1990, S. 64) trifft den Kern der Sache, wenn er schreibt:

"Der heuristische Nutzen der Musik-Sprache-Analogie erweist sich möglicherweise gerade dann, wenn die Musik in besonderem Maße sprachunähnlich ist: Die verbreitete Rede vom "Sprachzerfall" in Teilen der Neuen Musik beruht auf der möglicherweise zutreffenden Erkenntnis,


Erste Seite (0) Vorherige Seite (97)Nächste Seite (99) Letzte Seite (126)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 
- 98 -Kietz, Nicola: Musikverstehen und Sprachverstehen