- 50 -Klages, Thorsten: Medium und Form - Musik in den (Re- )Produktionsmedien 
  Erste Seite (i) Vorherige Seite (49)Nächste Seite (51) Letzte Seite (123)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 

(Politik), Information/Nicht Information (Massenmedien) und im Falle der Kunst ambivalenter: schön/häßlich.108
108 »Diese Semantik darf aber nicht so verstanden werden, als ob es um ›schöne Gestalten‹, ›schöne Klänge‹ oder sonstige schöne Einzelformen gehe. Sie bringt, wenn man sie überhaupt beibehalten will, nichts anderes zum Ausdruck, als ein zusammenfassendes Urteil über stimmig/unstimmig unter der Zusatzbedingung hoher Komplexität, also selbsterzeugter Schwierigkeiten.« KdG (S. 317).
Codes funktionieren, indem sie besondere Beobachtungsräume eröffnen, in denen die jeweiligen Teilsysteme Formen ausbilden können. In der Kunstbeobachtung entsteht der Code und wird gleichzeitig zur Orientierung für Entscheidungen auf der operativen Ebene der Autopoiesis eingesetzt.

»Jede Operation, sei es ein Beobachten des Künstlers, sei es ein Beobachten des Betrachters, muß ja mit Bezug auf eine bestimmte Form entscheiden, ob sie paßt oder nicht paßt; ob sie sich in das entstehende Werk (bzw. in das Werk, das man zu betrachten beginnt) anschlußfähig einfügt oder nicht. Jede Beobachtung versetzt das bezeichnete Detail in das rekursive Netzwerk anderer Unterscheidungen und beurteilt von da her am Detail Gelingen oder Mißlingen, besonders überzeugende Lösungen, unmittelbar verständliche Festlegungen auf der einen und Fragwürdiges, Ergänzungsbedürftiges oder schließlich Korrekturbedürftiges auf der anderen Seite.«109

109 KdG (S. 315).

»Nicht die Qualitäten der Kunstwerke wirken demnach auf den Betrachter, sondern ihre Selektivität; nicht die Besonderheit der Qualität, ihre Höhenlage auf einer Skala der Perfektion macht die Schönheit aus, sondern die Steuerung der Selektion im Hinblick auf einen eigenen Selektionsraum [...].«110

110 Vgl. Luhmann (1981, S. 248).

Wenn man sich fragt, was »schön« ist oder was ›Schönheit‹ bedeutet, zeigt sich, daß die Luhmannsche Leitdifferenz diskursiv angelegt ist. Es ist damit auszuschließen, daß die Leitdifferenz eine teleologische Strukturierung aller Operationen des Kunstsystems leisten könnte.111

111 »Die Differenzierung von Variation und Selektion setzt eine evolutionäre Dynamik in Gang, die sich jeder Gesamtplanung und jeder Steuerung im Hinblick auf ein Fernziel der idealen Perfektion entzieht.« Luhmann (1993, S. 225).
Aus heutiger Sicht erscheint zudem die Idee des Schönen zutiefst ambivalent. Sie hatte gemäß Luhmann (in dekonstruktivistischer Manier) in der Vergangenheit lediglich die Funktion, ihre eigene Paradoxie zu verdecken. Der Code des Kunstsystems garantiert weder ein Gefallen des einzelnen Kunstwerkes noch liefert er eine Bauanleitung für gefällige Kunst. Schönheit ist im Kontext der Systemtheorie auch nicht die Eigenschaft eines Objekts oder überhaupt inhaltlich bestimmbar.112
112 Zum Schönheitsbegriff vgl. KdG (S. 310ff).
Die ›richtige‹ Wahl ›schön‹ oder ›häßlich‹ wird erst durch systeminterne Programme angeleitet. Während der Code das System nach außen hin schließt, die Grenze zwischen System und Umwelt zieht, wird das System durch Programme wieder geöffnet. Erst Programme liefern die Bedingungen oder Kriterien, nach denen die eine oder die andere Seite des Codes Kunst/Nicht Kunst bzw. schön/häßlich gewählt wird. Mit Programmen entscheidet das System über die Zuweisung von Codewerten. In der Wissenschaft etwa gelten Theorien als Programme, die über wahr oder unwahr entscheiden. Für das Kunstsystem gilt, daß es keinen Essenzkosmos garantierter Wesensformen (mehr) gibt, der sich in einem Katalog

Erste Seite (i) Vorherige Seite (49)Nächste Seite (51) Letzte Seite (123)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 
- 50 -Klages, Thorsten: Medium und Form - Musik in den (Re- )Produktionsmedien