- 16 -Klußmann, Jörg: Musik im öffentlichen Raum 
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Kern patriarchalisch und an das Besitzbürgertum als Publikum gebunden gewesen. Nach Fraser wirkt dieser strukturelle Ausschlusscharakter nach bis hin in unsere (post-)modernen Öffentlichkeiten. So bildet der Begriff »Öffentlichkeit« beim vorliegenden Untersuchungsgegenstand auch eine Art historische Klammer: Musik, die assoziiert werden kann mit eben jener »literarischen Öffentlichkeit«, erklingt heute als Dauerbeschallung urbaner öffentlicher Räume. Gerade hier ist sie in den Verdacht geraten, als Mittel des Ausschlusses unerwünschter Personen zu dienen. Die Frage, in welchem Maße die Musikbeschallung am Hauptbahnhof schlicht aus Gründen einer »semantischen Befrachtung« ein Vertreibungspotential besitzt, erwachsen aus einer historischen Verbundenheit der Musik an ein zahlendes bürgerliches Publikum, soll in Kapitel 6.2.3 diskutiert werden.

3.2.  Bahnhof – Metapher und Sozialraum

Die Hauptbahnhöfe sind zunächst einmal Institutionen des Verkehrs. Als solche sind Bahnhöfe schlicht Orte des Ein- und Aus- oder Umsteigens. Aber Bahnhöfe tragen auch eine ungemeine Fülle symbolischer Bedeutung, die weit über diese Zweckbestimmtheit hinausgeht. Dies ist bereits sichtbar an der Bauweise der urbanen Bahnhofsgebäude. Burkhard Brunn schreibt:

»Der großstädtische Bahnhof ist durch seine monumentale Architektur, die seine zweckbedingte Größe symbolisch überhöht, als ein machtvoller Ort gekennzeichnet. (...) Die Größe der Anlage, die Architektur, der Turm und die Uhr drücken aus, daß der Bau nicht privaten Interessen dient, sondern für alle da ist.«16

16
Brunn/Praeckel (1992) 27.

Bahnhofsgebäude nehmen gewissermaßen eine Sonderstellung innerhalb der innerstädtischen Architektur ein. Der Hauptbahnhof einer Stadt ist sowohl für ihre Einwohner als auch für Fremde ein äußerst präzise lokalisierter/lokalisierbarer Ort:

»Der Bahnhof ist ein Orientierungspunkt, vergleichbar nur den Kirchen. Er ist auch ein Ort der Orientierung in der Zeit. (...) In der sich ständig ändernden, komplexer und komplizierter werdenden Umwelt erscheint der Hauptbahnhof einer Stadt als Konstante und trotz des Gewimmels von Menschen als eine Art ruhender Pol.«17

17
Brunn/Praeckel (1992) 28.

In den alten Bahnhöfen18

18
Der Bau des Hamburger Hauptbahnhofs begann im Jahre 1888.
finden sich architektonisch, gemeinhin sichtbar, historische Visionen des Fortschritts materialisiert. Somit sind sie als »Traumhäuser der Moderne« auch Sinnbilder der Zukunft im »längst Vergangenen«. Dabei sind sie jedoch nicht nur Träger von Geschichte, sondern – vielleicht noch stärker – Träger von Geschichten. Hermann Glaser schreibt:

»So wie die ›Titanic‹ in geradezu mythischer Dimension Fortschritt und Untergang repräsentierte, so trugen die Bahnhöfe als babylonische Türme der


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