Moderne ihre ›Verkehrung‹ (nicht als spektakuläres Ereignis, sondern
als immanente Trauer) in sich. Als Orte der großen Verwandlung (mit der
Euphorie
von Reisezeit und der Freude des Willkommens) sind sie vor allem Orte des
Auseinandergehens, Orte ›verlorener Namen‹, der tausend kleinen Tode des
Abschieds.«19
Der extrem kalkulierte Umgang mit Zeit ist ebenfalls ein wichtiges Charakteristikum von Bahnhöfen und Eisenbahn, auch wenn die Redensart »Pünktlich wie die Eisenbahn« heute nicht mehr besonders geläufig zu sein scheint. Dazu Glaser:
»Der Kult der Pünktlichkeit ist mit der Eisenbahn geboren worden; der Bahnhof lebt von der Rationalisierung der Zeit, von der exakten Regelung durch Fahrpläne. In dieses Raster perfekter Organisation sind freilich auch Nischen und Warteräume eingefügt, die, gewissermaßen als Kompensation von Hast und Hetze, das Ausscheren, Verweilen, die Langeweile ermöglichen.«20
Kurz vor dem 1. Weltkrieg wurde – aus den Bedürfnissen des Eisenbahnbetriebes heraus – der 24-Stunden Tag »erfunden«, so sollten Missverständlichkeiten in den Fahrplänen ausgeschlossen werden. Um das komplexe System feststehender Anfahrts- und Abfahrtszeiten aufrecht zu erhalten, ist ein großes Maß an Organisation nötig, verlangt also von den Mitarbeitern verbindliche Disziplin. In der Vergangenheit wurde diese auch sichtbar in einer militärisch anmutenden Uniformierung der Mitarbeiter, die, auch für die Reisenden, die Hierarchien innerhalb des Bahnhofspersonals offen legte. Richards/MacKenzie zitieren aus einem Reisebericht des Harvard-Professors William J. Cunningham aus dem Jahre 1913:
»There is a noticeable orderliness and precision about everything connected with German railways. In respect for authority and strict observance of the rules, the German railway employee has no superior. The traveller will not fail to notice the red-capped station master standing at attention on the station platform as the train passes each station (...) The high order of discipline and rigid observance of rules which follow their system of ample and constant supervision bears fruit in their remarkable immunity from train accidents, and in the small number of passengers and employees killed or injured.«21
Das Resultat solch einer disziplinierten Organisation war, so Richards/MacKenzie, eine starke »corporate loyalty«, eine Verbundenheit der Angestellten mit der Eisenbahn. Lange Zeit, auch noch nach dem 2. Weltkrieg, ließ solch eine Loyalität auch nachfolgende Generationen einer Familie in die Dienste der Bahn treten, der Beruf wurde »vererbt«. Doch ist der Bahnhofsbetrieb bereits in der Vergangenheit nicht nur Sinnbild von Ordnung und Disziplin gewesen, er symbolisierte auch gerade das Gegenteil. Im Getümmel von Reisenden und anderen Personen, die es aus unterschiedlichen Gründen zum Bahnhof zog, ist dieser immer schon Begegnungsstätte aller gesellschaftlichen Schichten gewesen, auch wenn über die Organisation des Bahnbetriebs nach Möglichkeit eine soziale Trennung befördert werden sollte.
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