- 194 -Lehmann, Silke: Bewegung und Sprache als Wege zum musikalischen Rhythmus 
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entsteht durch dieses Vorgehen noch keine Laborsituation. Für die Unterrichtenden sollte immer bewusst bleiben, dass es sich bei dem Gebiet des musikalischen Rhythmus um ein hoch komplexes Phänomen mit einer Vielzahl von Einzelaspekten handelt, die miteinander in Wechselwirkung stehen. Und wenn Musik in ihrem Wesen erhalten bleiben soll, verbietet sich eine Reduktion auf das Training isolierter Reiz-Reaktions-Schemata. Auch wenn spezielle Aspekte von Rhythmus in Vermittlungsprozessen fokussiert werden, sollte dies nie in ermüdenden Exerzitien geschehen. Ein Übungserfolg wird sich nur einstellen, wenn die Lernenden zu lustvollem Tun angeleitet werden.
Sparsamer Einsatz der Mittel gewährleistet am ehesten rhythmisch-metrische Präzision.
Gleichzeitig sollte das Üben von Rhythmen durch Faszination und Anmutung geprägt sein.

Ein anderer Gesichtspunkt der Zeitverarbeitung im instrumentalen oder vokalen Tun betrifft die Tatsache, dass jede Sinneswahrnehmung auch zeitliche Informationen enthält. Gerade im aktiven Umgang mit Musik können ausgesprochen vielfältige Sinnessysteme angesprochen werden: die Berührungen des Instrumentes, der Klang, die intensivierte Körperwahrnehmung. Voraussetzung für dieses vertiefte Empfinden verschiedener Modalitäten ist aber ein Musikunterricht, der sich nicht nur auf die Umsetzung von vorgesetzten Notenzeichen beschränkt. Vorgehensweisen aus der Elementaren Musikpädagogik können auch im Instrumental- oder Vokalunterricht aufgegriffen werden: eine Phrase kann ganz- oder teilkörperlich ausgedrückt, mit einem Tuch in die Luft ›gezeichnet‹ oder stimmlich ausgedrückt werden. Kinästhetische, optische und taktile Eindrücke können den auditiven Eindruck verstärken. Für den Lernprozess in Bezug auf Rhythmus und Metrum bedeutet ein vielfältiges Angebot von Vorgehens- und Wahrnehmungsweisen reichhaltige Möglichkeit, zeitlich-rhythmische Erfahrungen zu sammeln.

Sinneserfahrung ist Zeit-Erfahrung. Je intensiver die Sinne angesprochen werden, umso nachhaltiger wird diese Erfahrung.

8.6.2.  Musikausübung und die ›innere Uhr‹

Für das biologische Modell der inneren Uhr ist davon auszugehen, dass eine Vielzahl neurophysiologischer Strukturen an der Zeitverarbeitung teilnimmt (vgl. Abschnitt 7.2). Die entwicklungsgeschichtlich älteren Hirnteile wie Thalamus und Hypothalamus dienen eher der unbewussten Synchronisierung verschiedenster Vorgänge, die Hirnrinde dagegen regelt bewusst erlebte oder willkürlich gesteuerte Erlebnisse und Handlungen. Das limbische System wiederum wirkt an der Speicherung im Gedächtnis mit, hierbei spielt die emotionale Tönung eine Rolle. Das Kleinhirn dagegen spielt eine wichtige Rolle in der zeitlichen Steuerung und Koordination von Bewegung.

Schon mehrfach war betont worden, dass ein Musikunterricht auf der Grundlage umfassender Kenntnisse über die Zeitverarbeitung des Menschen verschiedener Herangehensweisen an Rhythmus und Metrum bedarf. Hier nun findet sich eine


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