- 186 -Müßgens, Bernhard: Musik und Angst 
  Erste Seite (I) Vorherige Seite (185)Nächste Seite (187) Letzte Seite (215)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 



Der älteste Textbestand von Josua 6 sagt nicht, wer den Schofar bläst. So trägt der "Schall des Schofar" in der Grundschicht des Textes Züge des Wunderhaften. Zur Deutung des Schofarblasens als Begleitumstand der Theophanie fehlt unter anderem die Gotteserscheinung selbst. Gegen eine Deutung des Schofarblasens als Bestandteil kultischer Handlung spricht das Fehlen der für den Kult bezeichnenden fortwährenden Wiederholung. Vom "Schall des Schofar" wird als zweimaliger Gegebenheit berichtet. In der Erzählung von der Eroberung Jerichos bleibt der vom Widderhorn angekündigte Kampf aus. Die Stadt wird ohne kriegerische Auseinandersetzungen eingenommen. Der ursprünglich kriegerische Bezug des Motivs ist demnach nicht mehr zu erkennen. Sein Fehlen trägt nach Schwienhorst dazu bei, die wunderhaften Züge der Erzählung hervorzuheben (Vgl. Schwienhorst, Eroberung Jerichos 51).

     Das in der Grundschicht des Textes zu findende Geschrei der Israeliter, das zum Einsturz der Stadtmauern Jerichos führt, zeigt Parallelen zum Motiv "Schall des Schofar". Im Alten Testament erscheint es im Zusammenhang des Krieges als Zeichen zum Auszug und zum Angriff, als Jubelgeschrei (im Kult und bei der Königsproklamation) und schließlich als allgemeines Geschrei (als Alarmzeichen, beim Tag Jahwes und zur Klage). Das "Geschrei" der Lärmtrompeten kann sowohl den "Tag des Krieges" als auch den Neujahrstag ankündigen und selbst den Jubel über die Thronbesteigung Gottes zum Ausdruck bringen, wie im zweiten Buch Mose 23,21 (Vgl. Schwienhorst 52).

     Keiner der genannten Bedeutungskreise ist indessen mit letzter Sicherheit als der ursprüngliche, keiner eindeutig als ein später abgeleiteter auszumachen. Das geblasene Signal bezeichnet verschiedene und gegensätzliche Bereiche der geschichtlichen Wirklichkeit und ihrer Überlieferung. Diese Eigenart des geblasenen Signals, disparate Bereiche menschlicher Wirklichkeitserfahrung kontrastierend gegenüberzustellen, werden wir im folgenden in Beispielen aus dem beginnenden 20. Jahrhundert wiederfinden.



2.2 Durchbruch und Fanfare, Gustav Mahler


1960 erscheint in erster Auflage Theodor Wiesengrund Adornos Monographie "Mahler, eine musikalische Physiognomik". Im Kapitel "Vorhang und Fanfare" erkennt Adorno die Kategorie des "Durchbruchs" als Formprinzip von Mahlers Symphonien. Mit dem Geräusch altmodischer Dampfmaschinen vergleicht er die von den tiefen bis zu den höchsten Streichern reichenden Flageolettöne am Beginn der Ersten Symphonie. Disparate Bilder berühren sich: Jener Klang gleicht "einem dünnen Vorhang",


 INHALTSVERZEICHNIS


Erste Seite (I) Vorherige Seite (185)Nächste Seite (187) Letzte Seite (215)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 
- 186 -Müßgens, Bernhard: Musik und Angst