herausgreifen und damit eine drastische Reduktion der
eingehenden Daten zulassen. Das Ergebnis sind somit psychoakustisch gefilterte
Aufnahmen.
24
Schüller, Dietrich: Technik A/V Geräte. In: Sommerakademie Volkskultur 1992: Musik.
22.8.–4.9.1992 in Altmünster/Gmunden. Dokumentation, hg. v. Bundesministerium für
Wissenschaft und Forschung u. a. Wien 1992. S. 111–114; Blöchl (wie Anm. 20), bes. S. 110f.-->
Effektiv haben wir damit trotz allen technischen Niveaus eine Aufnahmetechnik vor
uns, die in der Aussteuerung wie in der Nachbearbeitung nun gleichfalls die
Eingriffsmöglichkeiten perfektioniert. Somit erreicht eine Entwicklung ihren vorläufigen
Höhepunkt, die bereits die Schallplattenproduktion zunehmend prägte: Mit den
wachsenden Möglichkeiten der Bearbeitung der eingehenden Signale stieg der Einfluss
von Produzenten, Aufnahmeleitern und Toningenieuren als neuen Zwischeninstanzen
gewaltig an. Sie traten sozusagen als nichtmusizierende Interpreten hinzu. Somit kann
jede Tonaufnahme potentiell aus dem Status eines Mediums in den Status eines
Interpreten der jeweiligen musikalischen Realisation wechseln. Mit den Möglichkeiten der
Digitaltechnik sind solche interpretativen Eingriffe für den Hörer in der Regel nicht mehr
wahrnehmbar.
Ich möchte nun an diesen Blick auf die dokumentarische Qualität der
Aufnahmetechniken samt den sie begleitenden Maßnahmen zwei Überlegungen
anschließen.
Erkenntnistheoretische Ansprüche und wahrnehmungspraktische Konsequenzen
Zum Ersten
Nun sind die gestiegenen Manipulationsmöglichkeiten nicht eigentlich ein
Problem für wissenschaftliche Aufnahmen. Denn forschungslogisch stellt die
Aufzeichnung mit technischen Geräten nur eine Sonderform des Protokollierens dar,
das auf dem Umweg indirekter oder instrumentell vermittelter Beobachtung
geschieht.25
Baumann (wie Anm. 3) S. 36.-->
Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang jedoch die erkenntnistheoretischen
Probleme der Wahrnehmung. Um diese Probleme halbwegs in den Griff zu
bekommen, unterscheidet man systematisch zwei Beobachtungsebenen, die sich
besonders im ethnologischen Bereich des Fremdverstehens verdeutlichen lassen. Ein
möglicher Zugang zur Fremderkenntnis vollzieht sich darüber, dass der Beobachter
schon während seiner Beobachtung alle fremden Erscheinungen nach eigenen
Kriterien klassifiziert, wie sie im wesentlichen in seiner Kultur vorgebildet sind.
Dies ist die notative Beobachtungsebene. Ihr zur Seite steht die intentionale
Beobachtungsebene, bei der sich der Beobachter nun möglichst zurücknimmt
und versucht, die interessierenden Beobachtungsinhalte in Begriffen und in
der Denkweise der anderen Kultur zu erfassen. Beide Beobachtungsebenen
sollten idealiter komplementär verwendet werden. Diese Konzeption hat für
den wissenschaftlichen Umgang mit Aufzeichnungstechniken eine Reihe von
Konsequenzen:
- Erstens sollte der Forscher die Aufzeichnung möglichst wenig beeinflussen, womit
Manipulationen über das für die Aufzeichnung erforderliche Maß bei audiovisuellen
Aufnahmen grundsätzlich abgelehnt werden.