entwickelten sich zwei
Wege. Der eine Weg verfolgt das Ziel einer möglichst ganzheitlichen Dokumentation.
Hier bieten die visuelle Aufzeichnung und insbesondere die Einführung des synchronen
Tonfilms sowie der Videotechnik nun eine deutlich befriedigendere Lösung.
Denn mit diesen Techniken können die akustischen Vorgänge zusammen mit
dem visuell registrierbaren Kontext festgehalten werden. Damit ergibt sich
wesentlich dichteres und informativeres Quellenmaterial, wobei man bei versierter
Handhabung näher an die Akteure herankommt als ein geschickter Beobachter
(etwa durch Zoomen; auch durch schnelleres oder langsameres Abspielen der
Aufnahme).
28
Vgl. hierzu die Literaturangaben in Anm. 27. – Andererseits darf der Informationsgewinn
mithilfe akustischer Dokumente gegenüber nur schriftlichen Dokumenten nicht vergessen
werden. Ein eindringliches Beispiel hierzu liefert Hubert, Rainer: Methodenprobleme
und Techniken der auditiven Dokumentation der Geschichte der Arbeiterbewegung. In:
Gerhard Botz / Josef Weidenholzer (Hg.): Mündliche Geschichte und Arbeiterbewegung.
Eine Einführung in Arbeitsweisen und Themenbereiche der Geschichte »geschichtsloser-->
Allerdings kann auch dieses Material das subjektive Miterleben der Realsituation nicht
ersetzen. Und im Gefolge der selbstreflexiven Wende in der Anthropologie und
Ethnographie29
Eine konzise Darstellung dieser Neuorientierung liefert Kohl, Karl-Heinz: Ethnologie – die
Wissenschaft vom kulturell Fremden. Eine Einführung. München 1993. S. 162–166.-->
sowie der Etablierung konstruktivistischer Positionen gewann die Auffassung Anhänger,
dass auch die elaborierteste audiovisuelle Aufzeichnung kein objektives Zeugnis
der tatsächlich sich vollziehenden Vorgänge und Ereignisse sein kann. Deshalb
wählt der zweite Weg aus dem Objektivitätsdilemma eine andere Strategie:
Viele Vertreter des reflexiven Forschungsansatzes stellen sich Kulturformen
nicht mehr als hinreichend objektiv beobachtbar vor. Infolgedessen tendieren
sie dazu, Musik nicht mehr primär bzw. ausschließlich aufnahmetechnisch
zu erfassen, sondern sich selbst die zu untersuchende Musikkultur lernend
anzueignen – im persönlichen Kontakt mit sachkundigen Vertretern des jeweiligen
Kulturmilieus.
30
Siehe hierzu exemplarisch: Cooley, Timothy J.: Casting Shadows in the Field. In: Barz/Cooley
(wie Anm. 7) S. 3–19, insbes. S. 17 sowie als plakative Beispiele aus der Feldforschung Rice,
Timothy: Toward a Mediation of Field Methods and Field Experience in Ethnomusicology. In:
Barz/Cooley (wie Anm. 7) S. 106–122 und Kippen, Jim / Bel, Berhard: Linguistic Study of
Rhythm: Computer Models of Tabla Language. In: ISTAR 2 (1984) S. 28–33.-->
Zum Zweiten
Die gestiegenen Manipulationsmöglichkeiten der Aufnahmetechniken stellen auch in
anderer Hinsicht ein für die Forschung relevantes Problem dar. Das erreichte
Qualitätsniveau der Aufnahmen führt in Kombination mit der zunehmend leichteren
Handhabung der Steuerungsmöglichkeiten und mit der Popularisierung solcher Geräte
und Dienstleistungen zu einem reichhaltigen Marktangebot an persönlich oder
privatwirtschaftlich produzierten Tonträgern. Solche Tonträger sind von der
Forschung sinnvollerweise als potentielle Quellen in Betracht zu ziehen. Dabei
bleibt jedoch mehrheitlich der Kontext der Produktion und der Klanggestaltung
unbekannt. Folglich steht die Forschung hier vor einem heiklen Problem der
Quellenanalyse.
Abgesehen davon wirken diese Tonträgerproduktionen im Zusammenspiel mit den
modernen Medien Rundfunk, Fernsehen etc. und der Entwicklung immer