Dukha-Sukha: Leid, Freud und mediale Vorbilder
Ich begleitete Bukun zu einem Konzert, auf einmal blieb er stehen und lauschte
konzentriert. Was hatte seine besondere Aufmerksamkeit erregt? Zusätzlich zum
motorisierten Straßenlärm dröhnten alle denkbaren Musikrichtungen aus Lautsprechern.
Entschlossen überquerte Bukun die Strasse und steuerte auf einen Kassetten-Laden zu.
Ein Volkslied (lok git) hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Unverzüglich erwarb er
die Musik-Kassette. Was hatte ihn an diesem Lied so fasziniert? Melodie und
Instrumentation waren konventionell – ein Wechselgesang, bei dem alternierend
Strophen von einem Mann und einer Frau vorgetragen wurden, begleitet von Madal,
Sarangi, Bansuri und Keyboard: ein Dohori Git – so heißen diese Wechselgesänge, die
massenhaft auf den Markt gebracht werden.
Der Titel des Albums Garibko Dashain – das Dashain-Fest der Armen – erklärt Bukuns
Interesse.5
Dashain – in Indien Dussera – ist das Fest zu Ehren der Göttin Durga (September, Oktober).-->
Er bestätigte mir, dass ihn der Text anspreche, das sei ein Lied für Leute wie ihn. Es
geht um einen verarmten Haushalt voll Not, Sorgen und schreienden Kindern, und
Armut wird schon auf der Hülle der Kassette durch eine Hütte repräsentiert
(s. Abb.).
Das Repertoire, welches mir Bukun vermittelte, waren keineswegs ehrwürdige,
traditionelle Lieder, sondern die aktuellen Top-Hits der Nepali Volksmusik, die ich
fortwährend in medialisierter Form hörte, im Fernsehen als Videoclips sah – und eben
diesen Liedern begegnete ich später bei Nepalesen in Wien. Bukun veränderte die Texte
sehr freizügig, teils weil er sie nicht aufschreiben konnte. Aber andererseits
transformierte er die Lieder auch inhaltlich, indem er einem fröhlichen Liebeslied eine
tragische Stimmung verlieh, welche die politische Situation des Landes widerspiegelte.
Eine inhaltliche Transformation ist ohne grundlegende musikalische