- 74 -Probst-Effah, Gisela (Hrsg.): Musikalische Volkskultur und elektronische Medien 
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würden dann noch hinzukommen. Während er Strophe um Strophe sang, produzierte draußen der Dichter ständig neue Verse – fünf Künstlerkollegen (Angehörige unterschiedlicher Ethnien und Kasten) erprobten und diskutierten die frischen Werke. Begum Gandharba wurde ständig mit neuen Texten beliefert. Er ist einer der prominentesten Vertreter seiner Kaste in der Musikindustrie, was nicht zuletzt auf seine Schreibkenntnisse zurückzuführen ist. Bei dieser Produktionsweise muss man unbedingt lesen können.9

Die Melodie wurde nicht notiert, die indische Saregama-Solmisation ist bei Gandharbas nicht üblich. Bei Studioaufnahmen und Konzerten wird meist keine Improvisation riskiert. In anderem Kontext ist aber poetische Improvisation ein beliebtes Spiel. Ich habe informelle Situationen spontanen Lieddichtens erlebt, in denen es nicht stört, wenn der Gesang einmal ins Stocken gerät. Profis präsentieren sich jedoch sogar im nepalesischen Fernsehen als poetische Improvisationskünstler, wobei ihnen AssistentInnen zur Seite stehen. Der Anteil völliger Neudichtung ist dabei gleichfalls gering. – Peter Manuel beschreibt Situationen nordindischer Studioaufnahmen und unterscheidet dabei zwei Grundtypen: Entweder nehmen Volksmusikanten ihre Lieder quasi eins zu eins auf, wie es einer Live-Performance entspricht, meist mit rudimentärer Instrumentation, häufig nur Perkussion und Harmonium; oder es werden in aufwändigeren und kostenintensiveren Produktionen Studiomusiker hinzugezogen und Arrangements erarbeitet, teilweise dabei auch Texte verändert (erweitert, geglättet und bereinigt von Obszönitäten); ein Produzent übernimmt eine leitende Rolle. Manuel stellte fest, dass solche medialisierten Versionen auf die populäre Musikpraxis zurückwirken (Manuel 1993, S. 168).-->

9   Die Melodie wurde nicht notiert, die indische Saregama-Solmisation ist bei Gandharbas nicht üblich. Bei Studioaufnahmen und Konzerten wird meist keine Improvisation riskiert. In anderem Kontext ist aber poetische Improvisation ein beliebtes Spiel. Ich habe informelle Situationen spontanen Lieddichtens erlebt, in denen es nicht stört, wenn der Gesang einmal ins Stocken gerät. Profis präsentieren sich jedoch sogar im nepalesischen Fernsehen als poetische Improvisationskünstler, wobei ihnen AssistentInnen zur Seite stehen. Der Anteil völliger Neudichtung ist dabei gleichfalls gering. – Peter Manuel beschreibt Situationen nordindischer Studioaufnahmen und unterscheidet dabei zwei Grundtypen: Entweder nehmen Volksmusikanten ihre Lieder quasi eins zu eins auf, wie es einer Live-Performance entspricht, meist mit rudimentärer Instrumentation, häufig nur Perkussion und Harmonium; oder es werden in aufwändigeren und kostenintensiveren Produktionen Studiomusiker hinzugezogen und Arrangements erarbeitet, teilweise dabei auch Texte verändert (erweitert, geglättet und bereinigt von Obszönitäten); ein Produzent übernimmt eine leitende Rolle. Manuel stellte fest, dass solche medialisierten Versionen auf die populäre Musikpraxis zurückwirken (Manuel 1993, S. 168).

Der moderne Verfasser von Gandharba-Liedern präsentiert sich folgerichtig auch gerne in der Pose des Dichters mit dem Schreibgerät in der Hand. Begum Gandharba interpretiert mit Vorliebe tragische Neuigkeiten wie das Massaker vom 1. Juni 2001.


PIC

Abb. 3: Kassetten-Hülle Kahali Lagdi Ghatna, das Bild der Königsfamilie; die roten Flecken symbolisieren Blut, Blitze das Unglück. Darunter von links nach rechts: Der Texter Mangal Prasad Gandhari in der Pose des Dichters, der Sänger Begum Gandharba und der Komponist Purna Bahadur Gandharba



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