- 76 -Probst-Effah, Gisela (Hrsg.): Musikalische Volkskultur und elektronische Medien 
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jedem die Verarbeitung individueller Erfahrungen. Der Musiker evoziert Schmerz und Trauer (dukhalagnu), ohne sich selbst den Emotionen hinzugeben. Er ist der gefasste Übermittler einer schmerzlichen Botschaft. In dieser Weise wird auch Jhalakman Gandharba im Video vorgeführt. Dagegen sind Musikvideos, welche eine dramatische Geschichte erzählen, wobei sie tränenüberströmte Gesichter vorführen, näher am melodramatischen Gefühlskino. Hier ist das Weinen des Publikums auch ein mimetischer Akt, der durch die Hingabe an die cineastische Illusion hervorgerufen wird.12

Kappelhoff 2005. Auch das Gefühlskino bietet dem Publikum den Genuss der eigenen Leidensfähigkeit. Beim Weinen handelt es sich um das Paradoxon passiver Aktivität. Weisethaunet erklärt die Tränen als embodied memory (1998, S. 107).-->

12   Kappelhoff 2005. Auch das Gefühlskino bietet dem Publikum den Genuss der eigenen Leidensfähigkeit. Beim Weinen handelt es sich um das Paradoxon passiver Aktivität. Weisethaunet erklärt die Tränen als embodied memory (1998, S. 107).

Jhalakman Gandharba betrachtete es als die Aufgabe des Musikers, den Schmerz der Menschen zum Ausdruck zu bringen. Indem er Schmerz (Dukha) als wahre Botschaft der Musik verstand, stellte er eine bemerkenswerte Ausnahme in der Medienpolitik der vordemokratischen Ära dar, in der allgemein leichte Unterhaltung bevorzugt wurde. Vielleicht ist dieser Sänger gerade deshalb so bedeutsam für die Nation? Jedoch ermöglichte die Medialisierung auch in seinem Fall den Eingriff staatlicher Zensur. Jhalakman Gandharba war gezwungen, in der Radio-Version seines Lahure-Liedes einen Satz zu streichen, der lautet: »Wenn zwei Könige kämpfen, leidet die Bevölkerung (bzw. leiden die Söhne und Töchter).«13

13   Dagegen benützten »progressive« Sänger diese Zeilen auch bewusst zur politischen Agitation (s. Weisethaunet 1998, S. 155).

Der Widerspruch zwischen der Etablierung nationaler Volksmusik und demokratischen Ideen wird hier augenfällig. Die Person Jhalakman Gandharba wurde instrumentalisiert, um den nationalen Mythos im Sinne der herrschenden Shah-Dynastie zu pflegen, wonach Gaine-Musiker schon 1768 als Spione im Dienst von Prithvi Narayan Shah, dem Eroberer des Kathmandu-Tales, grundlegend an der Entwicklung des nepalesischen Staates beteiligt gewesen waren (Weisethaunet 1998). Gemäß dieser Ideologie ist es die Aufgabe der niedrigen Kaste, die militärischen Tugenden einer hohen Kaste im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Journalistische Formulierungen, dass Jhalakman Gandharba Geist und Geschichte Nepals verkörpere, gemahnen an romantische Volksgeist-Vorstellungen. In diesem Sinn wird Gandharba im Video nicht in einem konzertanten Rahmen gezeigt, sondern im ländlichen Milieu, umgeben von Zuhörern aller Altersgruppen: seinem Volk, welches sich weniger dem Musiker zuwendet, sondern sich vielmehr dem Betrachter des Videos als lebendes Bild präsentiert.


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