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jedem
die Verarbeitung individueller Erfahrungen. Der Musiker evoziert Schmerz und Trauer
(dukhalagnu), ohne sich selbst den Emotionen hinzugeben. Er ist der gefasste
Übermittler einer schmerzlichen Botschaft. In dieser Weise wird auch Jhalakman
Gandharba im Video vorgeführt. Dagegen sind Musikvideos, welche eine dramatische
Geschichte erzählen, wobei sie tränenüberströmte Gesichter vorführen, näher am
melodramatischen Gefühlskino. Hier ist das Weinen des Publikums auch ein
mimetischer Akt, der durch die Hingabe an die cineastische Illusion hervorgerufen
wird.12
Kappelhoff 2005. Auch das Gefühlskino bietet dem Publikum den Genuss der eigenen
Leidensfähigkeit. Beim Weinen handelt es sich um das Paradoxon passiver Aktivität.
Weisethaunet erklärt die Tränen als embodied memory (1998, S. 107).-->
Jhalakman Gandharba betrachtete es als die Aufgabe des Musikers, den
Schmerz der Menschen zum Ausdruck zu bringen. Indem er Schmerz (Dukha) als
wahre Botschaft der Musik verstand, stellte er eine bemerkenswerte Ausnahme
in der Medienpolitik der vordemokratischen Ära dar, in der allgemein leichte
Unterhaltung bevorzugt wurde. Vielleicht ist dieser Sänger gerade deshalb so
bedeutsam für die Nation? Jedoch ermöglichte die Medialisierung auch in seinem
Fall den Eingriff staatlicher Zensur. Jhalakman Gandharba war gezwungen, in
der Radio-Version seines Lahure-Liedes einen Satz zu streichen, der lautet:
»Wenn zwei Könige kämpfen, leidet die Bevölkerung (bzw. leiden die Söhne und
Töchter).«13
Der Widerspruch zwischen der Etablierung nationaler Volksmusik und demokratischen Ideen wird hier augenfällig. Die Person Jhalakman Gandharba wurde instrumentalisiert, um den nationalen Mythos im Sinne der herrschenden Shah-Dynastie zu pflegen, wonach Gaine-Musiker schon 1768 als Spione im Dienst von Prithvi Narayan Shah, dem Eroberer des Kathmandu-Tales, grundlegend an der Entwicklung des nepalesischen Staates beteiligt gewesen waren (Weisethaunet 1998). Gemäß dieser Ideologie ist es die Aufgabe der niedrigen Kaste, die militärischen Tugenden einer hohen Kaste im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Journalistische Formulierungen, dass Jhalakman Gandharba Geist und Geschichte Nepals verkörpere, gemahnen an romantische Volksgeist-Vorstellungen. In diesem Sinn wird Gandharba im Video nicht in einem konzertanten Rahmen gezeigt, sondern im ländlichen Milieu, umgeben von Zuhörern aller Altersgruppen: seinem Volk, welches sich weniger dem Musiker zuwendet, sondern sich vielmehr dem Betrachter des Videos als lebendes Bild präsentiert.
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