- 66 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander  
  Erste Seite (i) Vorherige Seite (65)Nächste Seite (67) Letzte Seite (437)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 

und ihre Qualitäten denn begründet liegen mögen. Statt dessen wird mit dem Verlust einer Fertigkeit ein intellektueller Mangel ganz allgemein beklagt. Gleichwohl: »Man lernt, um wieder verlernen zu müssen, wenn es auf Genauigkeit oder Aktualität ankommt, und behält im übrigen ›Bildung‹ als Kondensat zurück. Hier zeigt sich auch der Vorteil des heute kaum noch angebotenen altsprachlichen Unterrichts. Bei Griechisch und Latein gibt es nichts zu verlernen; es genügt, es zu vergessen« (Luhmann 2002: 133f.). Und wo mit jeder erschlossenen Quelle die Summe an noch zu erschließenden Quellen logischerweise abnimmt, wird auch die Notwendigkeit zur Aneignung spezifischer Fertigkeiten geringer. Trägt man dem nicht Rechnung, so ist im Zuge weiter schwindender Anwendungsmöglichkeiten letztendlich leeres Bildungsgut die Folge, was unnötig belastet. Erst das Vergessen macht den Kopf dann wieder frei für aktuelle Fragestellungen. »Kein ästhetischer Fortschritt ohne ein Vergessen« (Adorno 111992: 312), schrieb einst Adorno, was für Wissenschaft nicht minder gilt. Nicht allgemein mehr notwendige Kompetenzen werden ebenso in der Regel entweder vergessen oder so von vornherein nicht mehr vermittelt. So bleibt denn der Blick offen für gegenwärtige Problemstellungen, die intellektuell zu bewältigen sind. Auf diese Weise Vergessenes oder Abgelegtes bleibt dabei für den Bedarfsfall erhalten, ermöglichen doch die Speicherarchive eine im Falle des Falle fraglos mühevolle, doch dann sinnvolle Reaktivierung, die dann ihren Dienst leistet.

Finscher beklagt desgleichen mehr auch »das immer stärkere Zurücktreten der traditionellen Werkinterpretation, das einhergeht mit dem wachsenden Desinteresse an der Kategorie Werk überhaupt« (ebd.: 14). Er macht dafür die gegenwärtigen dominierenden poststruktualistischen Tendenzen verantwortlich. Sicherlich hat Finscher recht damit, dass die Musik der Vergangenheit wesentlich aus dem postmodernen Blickwinkel heute beurteilt wird, der über die Zeit begründete Werkentitäten dekonstruiert. Und er hat wohl auch darin recht, dass diese gewählte Perspektive eine vorübergehende Modeerscheinung ist, was die Dekonstruktion des Werkes selbst dekonstruiert und so auch die Möglichkeit des Werkes fraglos weiter erhält. Problematisch an dieser Darstellung ist nur, dass nicht erkannt oder anerkannt wird, dass die Betrachtungsweise Werk selber eine in einem spezifischen Zeitkorridor angesiedelte Mode-Erscheinung gewesen ist, die ihre Zeit hatte, und nicht einfach gegeben ist und daher auch nicht für alle Zeiten so gesehen werden muss. Moden hier wie da – und Moden ändern sich nun mal, was auch einen veränderten Umgang mit vergangenen Modewelten erklärt. Und das diskreditiert nicht die Leistungen früherer Generationen. Im Gegenteil: In ihrer Verklärung und Kanonisierung liegt das problematische Moment. In der Zeit und in einem spezifischen gesellschaftlichen Klima gewachsene und dort auch angesiedelte Betrachtungsweisen lassen sich nicht apodiktisch auf alle Zeiten festschreiben. Und so lassen sich auch musikwissenschaftliche Inhalte und Umgangsweisen mit Inhalten nicht für alle Zeiten festschreiben, nur weil sie in einem gewissen Zeitkorridor unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen Geltung beanspruchen konnten. Gegen die »Zumutungen der Öffentlichkeit und hier ganz besonders der Politik« (ebd.: 17) bezieht Finscher Stellung, die nach seinem Verständnis die Kultur beschädigten.


Erste Seite (i) Vorherige Seite (65)Nächste Seite (67) Letzte Seite (437)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 
- 66 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander