und ihre Qualitäten denn begründet liegen mögen. Statt
dessen wird mit dem Verlust einer Fertigkeit ein intellektueller Mangel ganz
allgemein beklagt. Gleichwohl: »Man lernt, um wieder verlernen zu müssen, wenn es
auf Genauigkeit oder Aktualität ankommt, und behält im übrigen ›Bildung‹
als Kondensat zurück. Hier zeigt sich auch der Vorteil des heute kaum noch
angebotenen altsprachlichen Unterrichts. Bei Griechisch und Latein gibt es
nichts zu verlernen; es genügt, es zu vergessen« (Luhmann
2002: 133f.). Und wo
mit jeder erschlossenen Quelle die Summe an noch zu erschließenden Quellen
logischerweise abnimmt, wird auch die Notwendigkeit zur Aneignung spezifischer
Fertigkeiten geringer. Trägt man dem nicht Rechnung, so ist im Zuge weiter
schwindender Anwendungsmöglichkeiten letztendlich leeres Bildungsgut die Folge, was
unnötig belastet. Erst das Vergessen macht den Kopf dann wieder frei für aktuelle
Fragestellungen. »Kein ästhetischer Fortschritt ohne ein Vergessen« (Adorno
111992: 312), schrieb einst Adorno, was für Wissenschaft nicht minder gilt.
Nicht allgemein mehr notwendige Kompetenzen werden ebenso in der Regel
entweder vergessen oder so von vornherein nicht mehr vermittelt. So bleibt
denn der Blick offen für gegenwärtige Problemstellungen, die intellektuell zu
bewältigen sind. Auf diese Weise Vergessenes oder Abgelegtes bleibt dabei für den
Bedarfsfall erhalten, ermöglichen doch die Speicherarchive eine im Falle des Falle
fraglos mühevolle, doch dann sinnvolle Reaktivierung, die dann ihren Dienst
leistet.
Finscher beklagt desgleichen mehr auch »das immer stärkere Zurücktreten der
traditionellen Werkinterpretation, das einhergeht mit dem wachsenden Desinteresse an
der Kategorie Werk überhaupt« (ebd.: 14). Er macht dafür die gegenwärtigen
dominierenden poststruktualistischen Tendenzen verantwortlich. Sicherlich hat Finscher
recht damit, dass die Musik der Vergangenheit wesentlich aus dem postmodernen
Blickwinkel heute beurteilt wird, der über die Zeit begründete Werkentitäten
dekonstruiert. Und er hat wohl auch darin recht, dass diese gewählte Perspektive
eine vorübergehende Modeerscheinung ist, was die Dekonstruktion des Werkes
selbst dekonstruiert und so auch die Möglichkeit des Werkes fraglos weiter
erhält. Problematisch an dieser Darstellung ist nur, dass nicht erkannt oder
anerkannt wird, dass die Betrachtungsweise Werk selber eine in einem spezifischen
Zeitkorridor angesiedelte Mode-Erscheinung gewesen ist, die ihre Zeit hatte, und nicht
einfach gegeben ist und daher auch nicht für alle Zeiten so gesehen werden
muss. Moden hier wie da – und Moden ändern sich nun mal, was auch einen
veränderten Umgang mit vergangenen Modewelten erklärt. Und das diskreditiert nicht
die Leistungen früherer Generationen. Im Gegenteil: In ihrer Verklärung und
Kanonisierung liegt das problematische Moment. In der Zeit und in einem spezifischen
gesellschaftlichen Klima gewachsene und dort auch angesiedelte Betrachtungsweisen
lassen sich nicht apodiktisch auf alle Zeiten festschreiben. Und so lassen sich
auch musikwissenschaftliche Inhalte und Umgangsweisen mit Inhalten nicht
für alle Zeiten festschreiben, nur weil sie in einem gewissen Zeitkorridor unter
bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen Geltung beanspruchen konnten.
Gegen die »Zumutungen der Öffentlichkeit und hier ganz besonders der Politik«
(ebd.: 17) bezieht Finscher Stellung, die nach seinem Verständnis die Kultur
beschädigten.
- Wenn es denn eine »Zumutung der Öffentlichkeit und hier ganz besonders der
Politik« sein sollte, dass die Musik der Vergangenheit auf die Gegenwart ausgelegt
und beleucht wird, und nicht umgekehrt eine musikinteressierte Öffentlichkeit auf