die Rezeptionsformen und Interpretationskategorien der Vergangenheit verpflichtet
wird, und es weiter ...
eine Zumutung sein sollte, dass die musikwissenschaftlichen Institutionen sich dem
im breiten Umfang entfaltenden vitalen Musikleben der Gegenwart weit mehr als
bisher öffneten und dieses mit zeitgemäßem Analyseinstrumenten wissenschaftlich
aufarbeiteten, und es ...
eine Zumutung sein sollte, dass auch die Musikinstrumente der Gegenwart
Würdigung und gleichberechtigt Eingang finden in die Welt der Hochschulen, ...
. . . dann sollte man den Zumutungen offen entgegenblicken, denn an diesen Orten
verschränken sich Tradition mit Gegenwart, da im Öffnen und Begegnen mit
der Tradition kritische Reflexionszonen zu beiden Seiten geschaffen werden.
Öffnen beschreibt nicht das Ersetzen tradierter Wissenschaft oder das über
Bord Werfen der musikalischen Vergangenheit, ein Öffnen meint die längst
fällige Ergänzung des einen wie anderen. Zu lernen, was ein Werk sei, und es
zugleich als Fragment zum Weiter-Werkeln zu verstehen, sind sodann unter einem
Dach vermittelte Gegensätze, die nicht in der Aporie enden, sondern die sich
konstruktiv gegenüberstehen. Das Kontroverse, das sich komplementär versteht, kann
so nach allen Seiten wirken und allzu gefällige Selbstgewissheiten vermeiden
helfen. Veränderungen in Teilen der Musikinstitutionen geben zu Hoffnungen
Anlass.
Finscher plädiert schlussendlich für eine wehrhafte Musikwissenschaft, »die ihren Teil
dazu beiträgt, daß die Zerstörung unserer kulturellen Grundlagen und Werte – zu denen
auch und ganz besonders unsere Universitäten gehören – nicht immer weiter
fortschreitet« (ebd.: 17) und verkennt, dass der Erhalt kultureller Grundlagen und Werte
sich gerade auch dadurch auszeichnet, dass sie der Gegenwart in ihrer besonderen
Situation sich als gegenwartsbezogen bzw. anpassungsfähig erweisen und sich nicht
allein der Vergangenheit und ihrer Tradition verpflichtet fühlen. Wo Kunst und
Institutionen dem nicht gewachsen sind, ist das Moment der Selbstzerstörung
angelegt. Tradition lebt in ihrer Veränderung und verödet als »Objekt« der
Denkmalspflege.
Enden möchte ich diesen Exkurs mit einem Zitat von Eggebrecht, das – aus dem
Kontext gebrochen – auch für das hier Gesagte gleichwohl stimmig ist. Eggebrecht stellt
wie Finscher beunruhigt fest, dass in der musikwissenschaftlichen Forschung ein
Kommen und Gehen zu beobachten ist.
- Die Auseinandersetzung mit dem »Werk« sei rückläufig, wo dem opus absolutum
mehr und mehr mit Misstrauen begegnet wird und mehr auf die allgemeine
Kompositionsgeschichte gesetzt wird, ...
- die Quellenforschung sei, wo Quellen zu großen Teilen erschöpfend erschlossen
wurden, auf dem Rückzug, ...
- das Interesse an mittelalterlicher und neuzeitlicher Musik erlahme zunehmend.
Im Zentrum gegenwärtiger Forschung stehe die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts, die
lange vernachlässigt wurde. Auch Eggebrecht stellt, genau wie Finscher, eine
Verlustrechnung auf. Daraus leitet er aber nicht Resignation, sondern berechtigte
Hoffnungen ab: Zunächst einmal schafft jedes »Vergehen den Raum [. . . ] für ein