- 70 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander  
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Das Werkprinzip mit der Prämisse eines Identität beweisenden Etwas bleibt dabei unangetastet: »Man nimmt an: das Werk bleibt identisch, sein Verständnis ändert sich mit der Zeit. [. . . ] Ein Musikwerk ›ist‹ sicherlich nicht schlicht das, was es momentan der wahrnehmenden Person oder dem Publikum ›bedeutet‹. Es muß einige überpersönliche und überzeitliche Inhaltskomponenten geben, die seine Identität sichern. Doch wo liegt diese Identität? In den fixierten Noten?« (Karbusicky 1979: 197). Karbusicky verneint selbstredend diese Frage und kommt auf bewusste wie unbewusste geistige Prozesse zu sprechen, die den Kompositionsakt begleiten.16
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Bezogen auf die Vorstellung, das Werk bzw. »alles für das ›Klangobjekt‹ Entscheidende« würde bereits im Notat objektiv eingelagert verortet, schreibt Wellmer mit deutlichen Worten: »Man muß diesen Gedanken nur einmal aussprechen, um zu sehen, wie absurd er ist; er ignoriert nicht nur die Bedeutung des Nicht-Notierten, aber gleichwohl durch Aufführungstraditionen Bestimmten in Partituren der Vergangenheit, er ignoriert vielmehr ineins damit auch das konstitutive Moment der Interpretation in der klanglichen Realisation von Notentexten« (Wellmer 2002: 138).
»Die lebendige Struktur des Musikwerkes ist ›identisch‹ nur als psychischer Prozeß, der Spuren im sichtbaren Zeichenbereich hinterließ, sonst aber verborgen bleibt« (ebd.: 198).

Im Vollzug eines psychischen Prozesses ergibt sich das Gefühl für die Wahrheit des Werkes. Das vermeintlich Erkannte ist ein bewusstseingemäßes Vorgestelltes. Wesentlich dabei ist, dass Gemeintes und Gegebenes zur Deckung kommen. Wie dies geschehen mag, hat Roman Ingarden in Anlehnung an Husserl und dessen phänomenologischen Programm für den Bereich der Kunst beschrieben. Bevor allerdings auf Ingarden eingegangen wird, seien zuvor einige Worte zu Husserl bzw. zur Phänomenologie getätigt: Der Wahlspruch »Zu den Sachen selbst« steht programmatisch für die Phänomenologie nach Husserl und suggeriert dieser philosophischen Richtung Fernstehenden im Grunde eine Auseinandersetzung mit der gegenständlichen Welt durch subjektiv Wahrnehmende. Indes ist eine solche nicht angestrebt, und die »Sachen«, die einer Wesensschau unterzogen werden sollen, sind gerade nicht der physikalischen Welt entnommen; sie sind rein geistiger Natur, Kopfgeburten. Das Phänomen bzw. »das Sich-so-an-ihm-selbst-zeigende« (Heidegger 171993: 31) erscheint im Spiegel geistiger Anschauung, wobei aus den Phänomenen ein Allgemeines zu abstrahieren gesucht ist. Legen wir dar, wie Husserl den Zugang zu den Sachen selbst sich vorstellt.

Was immer in der Welt wahrgenommen wird, ist intentional bedingt und allein aus einer bestimmten Perspektive wahrgenommen. Obwohl stets nur ein Teilstück von »etwas« zu sehen ist, wird bewusstseinsgemäß von dem Teilstück auf das Ganze geschlossen. Die eigentliche ganze Sache ist also stets gedacht vom Bewusstsein, das »etwas« Identisches, »Ganzes« denkt, mitnichten aber wahrnehmungstechnisch als Ganzes zu erfassen ist. Dieses Bewusstsein von »etwas«, dem demnach Sinn und Bedeutung vom Bewusstsein verliehen wird, ist von Husserl »Intentionalität« genannt.

Ein wahres Urteil kommt daher mit einem gegebenen Allgemeinen überein, wenn eine rein geistige »Wesensschau« auf den Weg gebracht wird, bei der alle impliziten wie expliziten Vorurteile, Theorien, Modelle . . . etc. ausgeschaltet werden, wo jedes Bedeuten immer aus einer bestimmten Sicht – einer »natürlichen Einstellung« vollzogen (»gerichtet«, interessegeleitet), intentional bestimmt ist. Das deutlich Machen


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