das Ganze aufzuschließen versucht.
Das demnach in allen varianten Beschreibungen invariant Bleibende erweist sich im
Prozess der Einklammerung als »wesentlich«, ein essentieller Rest, der, abstrahiert
zum »Wesen«, »Ur-Bild« (»
eidos«) ist. Nach Reduktion der phänomenalen
Vielfalt bzw. der Abstrahierung aller intentional gefärbten Phänomene und des
Lokalisieren des ihnen Allgemeinen tritt also in einem weiteren Schritt des
Erkundens, so Husserl, im Fokus eines reinen Bewusstseins, ein »Weltmeinen« – ein
Wesenskern zutage: eine ideal erlebte Potentialität des Erlebens, die dann – wiewohl
ausschließlich innerweltlich konstituiert – doch der ontischen Außenwelt entsprechen
soll.
In einem letzten Schritt wird die transzendentale Reduktion vollzogen, bei der Husserl
die »Konstitution« des Wesens darzulegen sucht. Schon der Begriff Konstitution zielt
darauf ab, deutlich zu machen, dass das Wesen nicht »an sich« gegeben ist,
sondern dass es bewusstseinsabhängig ist. Will man das Wesen erfassen, ist
Bewusstseinsforschung vonnöten. So ist die Phänomenologie eine »deskriptive
Wesenslehre der transzendental reinen Erlebnisse« (Husserl, zitiert nach Röd 1996:
431).
Die Bemühungen Husserls gründen in der Suche nach einer Wahrhaftigkeit, einer
Ontik – und auch, wenn sie in der Transzendenz nicht ergründbar ist –, so soll sie doch
dem Transzendentalen wenigstens genügen und hier den Schleier zumindest ein
wenig lüften. Roman Ingarden nimmt so die Ideen Husserls auf und versucht die
Phänomenologie auf die Kunst und deren Wesen umzubrechen. Die Phänomenologie in
der Lesart Ingardens scheint wiederum in den Schriften Zofia Lissas auf und wird
stellvertretend für andere dokumentiert. Das verborgen Existierende, von dem
Karbusicky im Vorangegangenen spricht, versucht Zofia Lissa näher einzugrenzen. Eine
Grundthese lautet, dass Werke »ontologische Eigenheiten [haben], die wir als solche
apperzieren und wahre Urteile über sie fällen können« (Lissa 1975: 2). Zum Zwecke der
Urteilsbildung bedürfen Werke einer von der Umwelt abzugrenzenden Identität,
woraus sie ihren spezifischen Wert ableiten. Die Ontologie ist als Wissenschaft
vom »Wesen der Dinge« zu bedenken und geht im Gleichklang mit Husserls
Vorstellung einer Ontologie der »Eidetik« (Ur-Bild), der Wesensschau. Dem
ontologischen Aspekt gegenübergestellt ist der phänomenologische, der sich mit
der Wahrnehmung beim Rezipienten beschäftigt, in der Identität sich leicht
verliert.
Trotzdem bleibt die Identität stabil, ob sich nun Ansichten und Wertvorstellungen
ändern mögen oder Aufführungen variieren. »Das musikalische Werk ist eines,
Ausführungen kann es unendlich viele geben. Darauf beruht die spezifische
›Beständigkeit‹ des musikalischen Werkes« (Lissa 1975: 10). Demnach sind die
Ausführungen nicht das Werk. »Jedes bestimmte Muskwerk – z.B. die 9. Symphonie von
Beethoven – ist im Gegensatz zu der offenen Mannigfaltigkeit seiner Ausführungen
immer ein einziges Individuum. Es kann somit nicht mit ihnen identisch sein«
(Ingarden 1962: 14). Ingarden, auf den sich Lissa bezieht, kommt nach einer
weiteren Angabe von Gründen (bezogen auf räumliche/zeitliche Begebenheiten,
subjektive Befindlichkeiten u.a.m.), die Aufführungen vom Werk trennen, zu
dem Schluss: »All die hier angegebenen Unterschiede zwischen dem Musikwerk
und seinen Ausführungen zwingen uns, das Musikwerk für etwas von seinen
einzelnen Ausführungen Verschiedenes zu halten« (Ingarden 1962: 16).