- 74 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander  
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Gegenstand« (Ingarden 1962: 27)) als gleichwohl dauerhaft Währendes vergegenständlicht. Die Notation beschreibt die Rahmung, innerhalb dessen ein Werk sich entfaltet wie beschränkt. Ein Werk muss so Anfang, Mitte und ein voraussehbares zeitlich limitiertes Ende haben, um ein Ganzes bilden zu können. »Somit ist das Werk ein geschlossener Ablauf, innerlich gegliedert, mit einem bestimmten zeitlichen Ausmaß, das in einzelnen Aufführungen leicht modifiziert wird« (ebd.: 9). Dazu gehört auch eine »stilistische Homogenität«, die Werkmusik auszeichnet. »Wenn auch nicht alle Werke in ihren stilistischen Eigenschaften originell waren, waren sie doch strukturell mehr oder weniger einheitlich geschlossen, und ›fremde Einschiebsel‹ waren nicht offensichtlich, sondern eher verborgen« (ebd.: 33f.). Eine Orientierung an Konstruktionsnormen ist der Werkidee – in einer individuellen Auslegung – wesentlich (vgl. ebd.: 9). Der Zufall bzw. aleatorische Momente sind dem Werk grundsätzlich fremd. An diesen Punkten kann die Rekonstruktionsarbeit und damit eine wertsetzende Urteilsarbeit ansetzen, die unter dem Etikett der Objektivität firmiert. Bei einer Aufführung eines musikalischen Werkes wird – wenn des Werkes und seiner Qualitäten sodann gedacht wird – so von den realen Begebenheiten, von allem Individuellen dieser Aufführung abstrahiert, sodass am Ende »ausschließlich die reinen Qualitäten der Tongebilde« sich herauskristallisieren (Ingarden 1962: 38). Trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen in der Zeit und daraus divergierenden Rezeptionsweisen sieht Lissa daher die Möglichkeit einer Höreinstellung, die als »richtige Haltung« zu benennen ist (Lissa 1975: 3). So wird vom intentionalen Gegenstand auf das dem verobjektivierten Werk gegenüber stehende unsichere Pendant – den Hörer – rückgeschlossen und eine Idealität beschworen, anhand derer er sich zu orientieren habe.

Das eigentliche Werk wird zwar als »überzeitlich« verstanden, beginnt aber erst mit Abschluss der Schreibarbeit zu existieren. »Das Werk ist endgültig beendet, es ist fertig, geschlossen, wenn es in der Notation fixiert wird. Seit diesem Augenblick erst kann seine historische Existenz beginnen, seine soziale Verbreitung, seine Konkretisierung, durch die es die Abnehmer erreicht« (Lissa 1975: 15).


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