Lissa
macht in ihrer Ausführung die
Polarität »
Werk/Nicht-Werk« auf und erläutert, dass Werke eine generische Verbindung
mit der schöpfenden Komponistenhand aufweisen, Nichtwerke – wie bspw. Volkslieder –
dagegen nicht. Diese gelten als kollektiv in der Zeit entwickelte unbewusste Musik.
Dagegen: »Werk ist Ergebnis von ›Wirken‹, [. . . ]. Menschen, die zu so einem
wirken fähig sind, nennen wir Schöpfer, ihr Wirken Schaffen« (ebd.: 6f.). Gleich
mehrfach macht Lissa darauf aufmerksam, dass Werk symbiotisch verflochten
mit einem gestaltenden Bewusstsein ist. Werke sind zugleich kompliziert, weil
der Schaffensprozess ein komplizierter ist und Intellektualität vom Schöpfer
abverlange.
Wir fassen den phänomenologischen Standpunkt zusammen: Werke nach Ingarden –
und Lissa folgt ihm in wesentlichen Gedankenlinien – haben eine schöpfende Hand
genossen. Sie sind identifizierbar aufgrund eines ontischen Kerns, und der ist nicht
»realer« oder »idealer«, sondern im Sinne Husserls »intentionaler« Natur. Neben
dem Schöpfungsaspekt ist eine physische Grundlage bedeutsam. Das Notat
vergegenständlicht eine intentionale Einsicht, die im Zusammenspiel das Werk
ausmachen. Dem Werk werden immanente Eigenschaften zugeschrieben, die als reine
Qualitäten betrachtet werden und die es als »überindividuell« und zugleich auch als
»überzeitlich« (wenngleich nicht als »ewig«) ansehen lassen, da Werke, trotz ihrer
Realisierung auf Notenlinien und ihrer damit verbundenen existenziellen Geburt
auch sein sollen, wenn sie nicht klingen (vgl. Ingarden 1962: 39f.). Werke sind
tendenziell polyvalent, was Folge von intentional auszufüllenden Leerstellen ist.
Gleichwohl hat die Phantasie einen Grenzen setzenden Spielgefährten, der über eine
phänomenale Wesensschau zwar nicht vollkommen erschließbar, aber doch in der
Rekonstruktion objektivierbar ist, da das Kunstwerk von seinem Wesen her objektiv
ist.
Die hier vorgestellte Darstellung vom Werk ist moderat dergestalt, weil nicht allein
das Werk im Zentrum steht, sondern gleichsam auch der Interpret und Rezipient
Berücksichtigung erfahren. Daraus ergibt sich ein seinsheteronomer Gegenstand. Aus der
Rückkopplung erst ergibt sich Wert, der allerdings vom Objekt her aufgeschlossen wird.
Moderat und differenziert ist die Darstellung auch deshalb, da Werke und Werte zwar als
überzeitlich angesehen werden, aber – auch wenn das paradox formuliert ist – nicht als
ewig.
Interessant werden die Darstellung Ingardens und die modifizierende Nachlese von
Lissa dadurch, weil sie das Subjekt mit in ihre Argumentation einbeziehen und
zugleich das platonische Ideal. Allerdings wird das intentionale Bewusstsein auf
das Ideal und einen nach wie vor wie auch immer zu konstituierenden Kern
bezogen.
Die Phänomenologie räumt dem Subjekt zwar eine Chance ein, denn was immer auch
gesagt wird, wird von einem Beobachter aus gesagt, und der ist mit der Fülle seines
Erlebens an der Konkretion von was auch immer beteiligt. Das Subjekt ist immer schon
schwer festzustellen gewesen, was es Wissenschaft, die nicht nur an klaren, sondern
wahrhaftigen Ergebnissen interessiert ist, schwer macht. Diesen Unsicherheitsfaktor
räumt die Phänomenologie derart aus, indem durch Wesensschau Identitäten
lokalisierbar oder rekonstruierbar werden sollen und das Subjekt wie ein Trabant um das
Objekt kreist. So können Aussagen nach wie vor mit Wahrheitsanspruch auftreten, da
ein ontischer Standpunkt auch hier vorausgesetzt wird, von dem aus argumentiert wird.
Die Problematik tritt klar hervor, der Mensch