- 75 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander  
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Lissa macht in ihrer Ausführung die Polarität »Werk/Nicht-Werk« auf und erläutert, dass Werke eine generische Verbindung mit der schöpfenden Komponistenhand aufweisen, Nichtwerke – wie bspw. Volkslieder – dagegen nicht. Diese gelten als kollektiv in der Zeit entwickelte unbewusste Musik. Dagegen: »Werk ist Ergebnis von ›Wirken‹, [. . . ]. Menschen, die zu so einem wirken fähig sind, nennen wir Schöpfer, ihr Wirken Schaffen« (ebd.: 6f.). Gleich mehrfach macht Lissa darauf aufmerksam, dass Werk symbiotisch verflochten mit einem gestaltenden Bewusstsein ist. Werke sind zugleich kompliziert, weil der Schaffensprozess ein komplizierter ist und Intellektualität vom Schöpfer abverlange.

Wir fassen den phänomenologischen Standpunkt zusammen: Werke nach Ingarden – und Lissa folgt ihm in wesentlichen Gedankenlinien – haben eine schöpfende Hand genossen. Sie sind identifizierbar aufgrund eines ontischen Kerns, und der ist nicht »realer« oder »idealer«, sondern im Sinne Husserls »intentionaler« Natur. Neben dem Schöpfungsaspekt ist eine physische Grundlage bedeutsam. Das Notat vergegenständlicht eine intentionale Einsicht, die im Zusammenspiel das Werk ausmachen. Dem Werk werden immanente Eigenschaften zugeschrieben, die als reine Qualitäten betrachtet werden und die es als »überindividuell« und zugleich auch als »überzeitlich« (wenngleich nicht als »ewig«) ansehen lassen, da Werke, trotz ihrer Realisierung auf Notenlinien und ihrer damit verbundenen existenziellen Geburt auch sein sollen, wenn sie nicht klingen (vgl. Ingarden 1962: 39f.). Werke sind tendenziell polyvalent, was Folge von intentional auszufüllenden Leerstellen ist. Gleichwohl hat die Phantasie einen Grenzen setzenden Spielgefährten, der über eine phänomenale Wesensschau zwar nicht vollkommen erschließbar, aber doch in der Rekonstruktion objektivierbar ist, da das Kunstwerk von seinem Wesen her objektiv ist.

Die hier vorgestellte Darstellung vom Werk ist moderat dergestalt, weil nicht allein das Werk im Zentrum steht, sondern gleichsam auch der Interpret und Rezipient Berücksichtigung erfahren. Daraus ergibt sich ein seinsheteronomer Gegenstand. Aus der Rückkopplung erst ergibt sich Wert, der allerdings vom Objekt her aufgeschlossen wird. Moderat und differenziert ist die Darstellung auch deshalb, da Werke und Werte zwar als überzeitlich angesehen werden, aber – auch wenn das paradox formuliert ist – nicht als ewig.

Interessant werden die Darstellung Ingardens und die modifizierende Nachlese von Lissa dadurch, weil sie das Subjekt mit in ihre Argumentation einbeziehen und zugleich das platonische Ideal. Allerdings wird das intentionale Bewusstsein auf das Ideal und einen nach wie vor wie auch immer zu konstituierenden Kern bezogen.

Die Phänomenologie räumt dem Subjekt zwar eine Chance ein, denn was immer auch gesagt wird, wird von einem Beobachter aus gesagt, und der ist mit der Fülle seines Erlebens an der Konkretion von was auch immer beteiligt. Das Subjekt ist immer schon schwer festzustellen gewesen, was es Wissenschaft, die nicht nur an klaren, sondern wahrhaftigen Ergebnissen interessiert ist, schwer macht. Diesen Unsicherheitsfaktor räumt die Phänomenologie derart aus, indem durch Wesensschau Identitäten lokalisierbar oder rekonstruierbar werden sollen und das Subjekt wie ein Trabant um das Objekt kreist. So können Aussagen nach wie vor mit Wahrheitsanspruch auftreten, da ein ontischer Standpunkt auch hier vorausgesetzt wird, von dem aus argumentiert wird. Die Problematik tritt klar hervor, der Mensch


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