- 77 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander  
  Erste Seite (i) Vorherige Seite (76)Nächste Seite (78) Letzte Seite (437)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 

extramundanen Standort voraussetzt, den man bestenfalls einer göttlichen, über der Welt schwebenden Instanz konzedieren kann, aber nicht dem Beobachter in der Welt.

Zu glauben, von allen erfahrungsgeprägten Vorurteilen (wissenschaftlichen Modellen, persönlichen Erfahrungen, tradierten, gängigen impliziten und expliziten Zugangsweisen und Setzungen) Abstand nehmen zu können, führt zuletzt zu einer Haltung, die dem Solipsismus – wie Husserl in der Literatur mehrfach vorgehalten wurde – nicht mehr fern steht, wo das Wesen – losgelöst von allen äußeren Gegebenheiten – allein durch sinngebende Bewusstseinsprozesse konstituiert sein soll und das Bewusstsein frei von allen prägenden Erfahrungen gedacht werden soll. (vgl. Husserl 1997: 75–83, 122–152, 186–212; vgl. Röd 1996: 424–431; vgl. Coreth/Ehlen/Haffner/Ricken 21993: 14–23; vgl. Held 2001: 730–744). »Husserl hat das Dilemma durchaus gespürt, in das er durch seine konsequente Strategie der De-Empirisierung, der Ausklammerung der Erfahrungstatsachen bzw. der Sinnlichkeit, geraten war. Hatte er von Anfang an das Ziel, einen letzten Unterbau philosophischen Argumentierens in Evidenzerlebnissen, mithin in einem geradezu autistischen, transzendental gedachten Ich-Bewußtsein zu finden, so mußte diese Reduktion, je mehr das Verfahren der ›Epoché‹, der ›Einklammerung‹, alles Empirische ausschaltete, zwangsläufig zu einer Aufhebung des empirischen Ich führen« (Schneider 1998: 69).

Hinzu kommt noch: Schon die bloße Annahme eines »Wesens« ist schon einer schlichten Setzung geschuldet und höchst voraussetzungsvoll, sie lässt sodann überall »Wesen« vermuten, orten und schließlich graduell das erschauen, was das unterstellte Axiom (»Wesen«) – in Kopplung darüber hinaus mit der angelegten Methode – allein zu beobachten, zu sehen erlaubt.19

19
Mikrophysikalische Phänomene werden genau in diesem Sinne beobachtet: Sie erscheinen je nach Beobachtungsweise als Partikel oder als Welle. Zudem machen ebendiese mikrophysikalischen Phänomene die Annahme irgendeiner Wesenhaftigkeit höchst zweifelhaft, da sie der Identitätslogik nicht folgen.
Die Welt ist dann voller Wesenheiten oder zumindest ein Versprechen auf sie, auch wenn sie im Opaken, im verborgen Dunklen noch oder auf immer bleiben. Man kann an das »Wesen« nur glauben, beweisen lässt es sich nicht, denn die Beweisführung ist dem Anfang: dem unbewiesenen Glauben an das »Wesen« geschuldet, der alle weiteren Folgerungen und Beweisführungen schon vorzeichnet. Die Wesensschau sitzt so der Paradoxie auf, dass sie das, was sie ergründen will, voraussetzt und diese Voraussetzung den methodischen Gang konzipiert. Mit anderen Worten: Am Anfang war der Glaube, aus dem heraus die Welt differenziert – unterschieden, bezeichnet wird, dabei wird die Welt (was immer sie auch sei) in das eingeteilt, was sie ist (sein soll) und was sie scheinbar nicht ist und so als Ganzes verletzt.

Selbst wenn man die Annahme einer transzendental zu erschließenden Wesenhaftigkeit der Welt nicht völlig ausschließen will, so bleibt die Annahme, man könnte dem Wesen einer Sache exklusiv durch Einklammerung und Reduktion näher kommen, eine für die Beobachtung folgenreiche schlichte Unterstellung, denn sie gründet allein in dem descartschen Prinzip des Zweifelns und Zerlegens (und einem (variierten) tradierten Prinzip und so glaubensträchtigen, axiomatischen Vorurteil, das aber eigentlich und am Rande erwähnt – gemäß der phänomenologischen Reduktion


Erste Seite (i) Vorherige Seite (76)Nächste Seite (78) Letzte Seite (437)      Suchen  Nur aktuelle Seite durchsuchen Gesamtes Dokument durchsuchen     Aktuelle Seite drucken Hilfe 
- 77 -Schläbitz, Norbert: Mit System ins Durcheinander