– ausgeschlossen sein
sollte und werden müsste). Bezogen auf den Glaubensaspekt, den nicht nur die
Phänomenologie, sondern ganz allgemein alle Wissenschaft begleitet, kann man
präzisieren:
Nicht der Zweifel steht am Anfang aller Erkenntnis, sondern der Glaube,
dass im Zweifel das Erkenntnisprinzip liegt, was am Glauben zweifeln lässt,
doch ihn gleichwohl stützt und stärkt. Und man stärkt und stützt ihn, da der
Glaube an den Zweifel selbst nicht in Zweifel gezogen wird bzw. werden kann,
sondern – der zweifelnden Kritik entzogen – für gewiss gehalten wird. »Wer an
allem zweifeln wollte, der würde auch nicht bis zum Zweifel kommen. Das Spiel
des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit voraus« (Wittgenstein
1984:
144). In Abänderung eines anderen, bekannteren Satzes von Wittgenstein
kann
man ein grundlegendes Weltanschauungs- oder Gewissheitsprinzip formulieren:
Woran man nicht zweifeln kann, daran muss man glauben. Und eine weniger
starke Formulierung lautet:
Woran man nicht zweifeln mag, daran muss man
glauben.
Der aus dem Zweifeln heraus geborene Glaube an das Zerlegen führt die
Phänomenologie zu ihren wesensträchtigen Ergebnissen. Was aber, wenn das Wesen einer
Sache nur vielschichtig als vernetztes aufscheint und in seiner Zerlegung verloren geht?
Was also, wenn sich Welt und Wesen nur im Kontext offenbaren? Sicher, man mag die
Definition von Wesen einer Sache anders angeben, sodass die Sache wieder stimmt und
Kontexte ausschließen. Aber wer sagt, dass methodisch motivierte Definitionen der Sache
und die daraus abgeleiteten Untersuchungen derselben angemessen sind und nicht nur
einfach nach einer tradierten Idee von Wesen passend gemacht wurden? – Oder: Was,
wenn das Wesen einer Sache als nicht fest-stellbar, in der Welt als fließend
daherkommt,20
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Alfred North Whitehead, der zusammen mit Bertrand Russell die »Principia Mathamatica«
verfasste, wendete sich nach Abfassung dieses Werkes, das versuchte, Evidenzen ergründen
und logisch festzuschreiben, vom jenem Philosophengrund des »Wesens« oder vom »Objekt«
ab und suchte seine neue Heimat in eben einer »Prozessphilosophie«, die den prinzipiellen
Wandel zu bedenken suchte. Darin verflüssigen sich dann Wesen wie Substanzen wie
Vergleichbares.
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die ihren Zustand von Moment zu Moment ändert, einer phänomenalen Reduktion aber
– zu welchem Zeitpunkt auch immer – eine irgendwie geartete, feststellbare »Haftigkeit«,
dokumentiert in einer Regel, getroffen nach einer endlichen Anzahl von Beobachtungen
in der Zeit, obligatorisch ist? Man gerät in einen Kreisel, der taumeln lässt wie schon
Kafka
in seiner Parabel »Der Kreisel« dokumentierte.
In all diesen Fällen würde die husserlsche Wesensschau das Gegenteil dessen leisten,
was sie eigentlich beabsichtigt. Sie entfernt sich von der Wesenwelt. Dass das Wesen
einer Sache feststellbar ist, hat zu seiner Voraussetzung eine unterstellte festgestellte
Welt, die auf einen Kern oder Kerne verweist und von Zwiebelvorstellungen Abstand
nimmt.21
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Beim Schälen einer Zwiebel bleibt bekanntlich nichts übrig. Vergleicht man die Schalen
der Zwiebel mit den Erfahrungen, Methoden und Modellen, die der phänomenologischen
Reduktion im Zuge von Urteilsenthaltungen zum Opfer fallen, so bleibt nach gewissenhafter
Opferung kein Wesen, sondern nicht weniger als nichts mehr übrig.
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Die Feststellung vom Wesen gründet in der Unterstellung, dass das Wesen unverstellt
festgestellt sei.
Auch die Phänomenologie folgt so immer noch dem, was Derrida mit
dem Denken der »Präsenz« umschreibt und Luhmann das alteuropäische
Denken22
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Den Glauben an eine dinghafte, wesenhafte wie seinsgemäße zu erkennende Was-ist-Was-Welt
sieht Luhmann in einem ontologischen Denken verstrickt, wo »ein Beobachter mit der
Unterscheidung Sein/Nichtsein operiert und mit Hilfe dieser Unterscheidung das bezeichnet,
was er für relevant, für anschlussfähig, kurz: für ›seiend‹ hält« (Luhmann 21993: 228).
Die entscheidende Unterscheidungsleistung aber bleibt dem Beobachter verborgen mit der
problematischen Folge: »Objektiv ist eine Erkenntnis, in der alle Beobachter übereinstimmen.
Man kann die Unterschiede der Beobachter daher ignorieren. Man braucht nicht die
Beobachter zu beobachten, sondern nur die Realität selber, um zu erkennen, was die
Beobachter beobachten« (Luhmann 21993: 229). Alteuropäisch nennt er ein solch ontologisch
verfahrendes Denken und neueuropäisch jenes, das nach dem Wie der Beobachtung, dem
Beobachter selbst und nach dessen Unterscheidung fragt. Das heißt, »daß nicht mehr von
Objekten die Rede ist, sondern von Unterscheidungen, und ferner: daß Unterscheidungen
nicht als vorhandene Sachverhalte (Unterschiede) begriffen werden, sondern daß sie auf eine
Aufforderung zurückgehen, sie zu vollziehen, weil man andernfalls nichts bezeichnen könnte,
also nichts zu beobachten bekäme, also nichts fortsetzen könnte« (Luhmann 1997: 60).
Was so jeweils ist, ist allein selbstreferentiell entworfen, indem psychische »Systeme in
der Konstitution ihrer Elemente und ihrer elementaren Operationen auf sich selbst [. . . ]
Bezug nehmen« (Luhmann 41993: 25). Damit ist auf die Autopoiesis erkennender Systeme
abgehoben, bei der allein unter Rückgriff der Systemoperationen aus Umweltirritationen
ein stabiles Weltkonstrukt errechnet wird. »Jedes selbstreferentielle System hat nur den
Umweltkontakt, den es sich selbst ermöglicht, und eine Umwelt ›an sich‹« (Luhmann 41993:
146). Was dann als identifizierte Einheit aufscheint, ist den Operationen eines geschlossenen,
auf sich selbst Bezug nehmenden Systems geschuldet, das stabile Eigenwerte produziert. Das
Sein konstituiert sich allein im Zuge der Operation einer Beobachtung und wird nicht als ein
zu erkennender Zustand beschrieben. Insofern wird Abschied genommen von einer dinghaften
Objektwelt und an dessen Stelle eine operationelle Entscheidungswelt gestellt.
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nennt,