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aus: Arthur Rubinstein, Erinnerungen - Die frühen Jahre

     © Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M. 1976


Die Reise nach Lwów, zweiter Klasse und ohne Schlafwagen, dehnte sich endlos hin. Überdies bedrückte mich der Gedanke an eine mögliche Pleite bei dem geplanten Konzert. Was für ein leichtsinniges Versprechen, die Unkosten zu decken, falls die Einnahmen nicht reichen! Schmutzig und völlig erschöpft nach den zwei beinahe schlaflos verbrachten Nächten kam ich in Lwów an. Ich war auf das Schlimmste gefaßt. Am Bahnsteig erwartete mich Türk mit einer Miene, als sähe er den Leichenwagen mit den Särgen aller seiner Lieben auf sich zurollen. Das Herz fiel mir in die Hosen. Wir gaben einander die Hand. »Ist es wirklich so schlimm?« fragte ich matt, »nicht eine einzige Karte verkauft?«

Er schüttelte bekümmert das Haupt. »Ausverkauft.«

»Was?« schrie ich. »Sie machen wohl Witze, wie?«

»Nein, in zwei Tagen waren alle Karten weg, und wenn Sie einverstanden sind, kündige ich noch einen zweiten Abend an.«

Ich hätte den Kerl erwürgen mögen! »Warum machen Sie dann eine solche Leichenbittermiene? Sie erschrecken einen ja zu Tode!«

Das wunderte ihn. »Wie soll ich glücklich aussehen, wenn ich nichts mehr zu verkaufen habe?«

Ein sonderbarer Mensch, dieser Türk. Doch wie dem auch sei, ich spielte an zwei Abenden vor ausverkauftem Haus, und meine Zuhörer verlangten stürmisch nach mehr. Gott segne Lwów und sein treues Publikum.

Die Fahrt nach Warschau war recht ereignisreich. Das Visum in meinem falschen Paß, gültig für die Reise nach Krakau, war abgelaufen. Darum besorgte mir Türk für die Rückfahrt einen österreichischen Paß, ausgestellt von einem nicht-existenten Bürgermeister, kein sehr verläßliches Dokument. Mir blieb nichts übrig, als das Risiko zu wagen. Um Mitternacht nahm mir der russische Posten an der Grenze diesen Paß ab und verschwand. Ich mußte warten, der Zug mit den anderen Reisenden fuhr weiter. Nach längerer Zeit schloß mich der Zöllner in den Wartesaal 1. Klasse ein. Verhaftet! Ich überlegte blitzschnell. Oberst Stremouchow - der könnte helfen. Da erschien ein Gendarm mit Tee und Keksen, verschwand wortlos und schloß mich wieder ein. Ich döste bis zum frühen Morgen in einem Sessel, dann gaben zwei Gendarmen mir meinen Paß zurück und erklärten streng, diese Papiere seien unzulänglich und man würde mich nach Österreich abschieben. Puh! Endlich wieder auf freiem Boden, bestieg ich einen Zug an die deutsch-russische Grenze. Ich war unverschämt genug, dort den Russen denselben unzulänglichen Paß vorzuweisen. Diesmal kam ich ungeschoren hinüber und erreichte Warschau leicht mitgenommen, aber in guter Stimmung.



Kapitel 61


Karol und Paul freuten sich, als sie mir unerwartet im Hotel Victoria begegneten. Ich lud sie


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